Notizen aus der Provinz

Sonntag, 3 August, 2008

Kneipengespräch: Die Keimzelle der Gesellschaft

Gespeichert unter: Kneipengespräch — Careca @ 14:00

- Ist das Rauchen hier jetzt eigentlich erlaubt?

Der Wirt sah mich an, grinste und reckte mir seine Hand entgegen.
Ein netter Wirt. In seiner Hand leuchtete mir ein Sargnagel entgegen.
Eigentlich wollte ich ja schon seit dreißig Jahren aufhören zu rauchen.
“Nur eine Zigarette nur. Ich muss ja nicht weiter rauchen”, hatte ich damals in der Raucherecke zu den Größeren gesagt.
Eigentlich.
Ein schönes Wort. Denn es impliziert gleich auch noch, dass es auch das Wort “uneigentlich” gibt. Eigentlich wollte ich schon lange aufhören zu rauchen. Uneigentlich tue ich das heute noch immer. Das “aufhören wollen”. Und eigentlich schaffe ich es ja auch immer. Nach jeder Zigarette.
Wäre ich Kettenraucher, hätte ich kein Feuerzeug und würde mir vor dem Schlafengehen immer ein kleines Lagerfeuer vor dem Bett anzünden, damit ich am nächsten Morgen gleich aus der Glut mir eine neue Zichte anstecken könnte.
Ich bin aber kein Kettenraucher. Ich besitze ein ZIPPO-Feuerzeug. Allerdings gehen mir inzwischen die hohen Benzinpreise auf den Sack. Da wird das Nachfüllen vom Feuerzeug immer so teuer. Eigentlich sollte ich wirklich aufhören, um Geld zu sparen. Ich könnt ja ganz locker bei anderen mitrauchen.

- Eigentlich könntest du mir jetzt noch ein Kölsch machen.

Ich blicke neben mir. Typisch.
Er nu wieder. Sitzt neben mir und ist schon kurz vor zwei am Kölsch picheln.
An seine Gesundheit denkt der wohl nie.

- Hey, kein Bier vor vier!
- Kölsch ist kein Bier. Kölsch ist Kölsch. Und es immer später, als man denkt. Nur für Kölsch ist es nie zu spät. Eher früh.

Er musste immer recht behalten. Ein elender Rechthaber, dieser Früh-Kölsch-Trinker. Aber wo er recht hat, hat er recht. Also?

- Herr Oberspielleiter, mir auch ein Kölsch.

So saßen wir vor unseren angetrunken Kölschstangen und starrten den kleinen Gasbläschen zu, wie die sich eiligst mit dem Schaum vereinigten.
Eigentlich waren alles zwischen uns schon gesagt. Aber uneigentlich …

- Auf meiner Dienstreise war ich in Brasilien. In einem Internet-Forum habe ich dann scherzhaft behauptet, ich würde in São Paulo den Zuckerhut besteigen wollen. Das haben einige mir sogar wortwörtlich abgenommen und behauptet ich sei ein Depp.
- Hm. Und?
- Na, die hatten meine Ironie nicht verstanden.
- Und? Hast du ihn dort bestiegen? Du bist doch sonst so unsportlich. Du müsstest dich ja sowieso dann dort hochrollen. Wenn die da keine schmalen Türen haben, sollte es für dich kein Problem sein.

Nein, so wird das nichts mit der Konversation. Der weiß ja noch nicht mal, wo der Zuckerhut steht. Und außerdem bin ich nicht dick. Höchstens zu klein für meinen Bauchumfang.
Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und dreht sich mir etwas seitlich zu.

- Ein Freund hatte mir neulich eine Geschichte erzählt. Ein wenig heftig. Er kam nach Hause und seine Ehefrau hatte starke Schmerzen. Ihre zwei Kinder standen untätig um das Bett herum, während sie nach den Notarzt verlangte.

Hm. Hört sich ja nicht nach fröhlicher Sonntagsgeschichte an. Ich drehte mein Glas und hörte ihm zu.

- Er rief den Notarzt und erfuhr von seiner Frau, dass die Kinder schon seit einer halben Stunde untätig herum gestanden hätten. Seine Frau musste dann direkt ins Krankenhaus. Magendurchbruch. Das eine der beiden Kinder ging mit seinem Vater täglich hin. Aber der andere, der wollte nicht. Der sagte lediglich, dass er nicht wüsste, was er dort im Krankenhaus tun solle. Er könne doch eh nichts für seine Mutter tun. Der Sohn der Mutter sagte das. Unglaublich, nicht?
- Ist er hingegangen?
- Nein. Als sein Vater meinte, der Junge wäre doch sicherlich auch froh, wenn er nicht allein gelassen würde, wenn er krank sei. Darauf entgegnete der nur, er wäre noch nie im Krankenhaus gewesen. Zudem hätte es ihn - seinen Vater - nicht zu interessieren, was er tue und was nicht.
- Und? Isser jetzt obdachtlos?
- Nö.
- Hätt’ ich dem aber gegönnt, wäre er rausgeschmissen worden. Muss ja seinem Vater auch nicht interessieren, ob grauer Asphalt hart ist …

Die Welt ist schon turbulent. Und immer wieder passiert was unvorstellbares.
Es gibt nichts, was man sich nicht denken könnte.
Vielleicht ist es aber auch so, dass das Denken erschafft? Wie heißt es bei Dürrenmatts “Die Physiker”: “Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.”
Das Undenkbare wird denkbar. Am Anfang war das Wort und durch das Wort wurde die Welt erschaffen, heißt es in der Populärübersetzung der Bibel.
Und wenn es entdeckt wird, dass das Undenkbare geschehen ist, dann ist das Geschrei groß und erschafft noch viel mehr Undenkbares.
Als in der Münchener U-Bahn Jugendliche einen älteren Mann fast tot geschlagen hatten, da war das Entsetzen groß. Die Worte “Jugendkriminalität” und “Ausländerkriminalität” liefen die Medien rauf und bestimmten Politikern wie Honig runter.
Als dann kurze Zeit später sich ein Rentner von fröhlichen Jugendlichen urplötzlich bedroht fühlte und dann einen Jugendlichen vor die einfahrende U-Bahn schubste, da wartete ich nur noch auf den Leitartikler, der vom eröffneten Krieg der Generationen sprechen würde. Es passierte aber nichts. Politiker diskutierten auch nicht über “Rentnerkriminalität” und ob man die “Renten” als Prävention nicht gleich abschaffen sollte. Keine Renten, keine Rentner, keine Rentnerkriminalität mehr.

Aber da hatte ich mir wohl zuviel vorgestellt. Meine Worte erschaffen noch längst keine Wirklichkeit. Und von Realität ganz zu schweigen. Oder umgekehrt. Oder zugleich. Bin ich Gott?
Egal.

- Meinen Freund hatte diese Kälte überrascht. Denn der Junge hatte ihm schon mal erklärt, dass, falls jemand die Familie angreifen würde, er würde für sie kämpfen.
- Dessen Verhalten verwundert mich nicht.

Er sah mich verwundert an und ich nahm ein Schluck aus dem drogenhaltigen Geistesvernebler, das alle nur “Kölsch” nennen.

- Wieso verwundert dich das nicht?
- Weil es unserer Gesellschaft entspricht. Wird die Gemeinschaft angegriffen, dann verteidigt sie sich. Bis zum letzten Blutstropfen. Aber kommt die Gefahr von innen, dann ist der Einzelne der Gemeinschaft hilflos. Er kann einfach nichts tun, weil ihn ja in der Gemeinschaft nichts bedroht. Ohne Bedrohung der Gemeinschaft kein Kampf. Das funktioniert so in der Familie, in der Schule, auf der Straße, im Staat. Greift jemand die Familie an, dann wird diese verteidigt. Wie oft habe ich schon den Satz gehört “Packt jemand einen meiner Familie an, dann mach ich den tot, ich schwöre”. Es ist ja auch einfacher die Gefahr von außen zu bekämpfen als die Gefahr von innen.
- Hm.
- Ich garantiere dir, würde jemand von außen das deutsche Gesundheitswesen angreifen, beispielsweise eine Art Hedge-Fond, dann wäre dieser unser Staat und seine Politiker richtig wehrhaft. Und die Bürger würden alles für ihr Gesundheitswesen unternehmen, dafür kämpfen. Aber wenn die gleichen Politiker, die alles verteidigen wollen, alles im Innern demontieren, dann regt sich nicht viel. Das wird fast gleichgültig hingenommen. Man sagt ja uns auch dauernd, dass es so sein muss.
- Die Gleichgültigkeit?
- Die auch. Weil in Deutschland ist Ruhe ja immer noch erste Bürgerpflicht.
- Was du da plapperst, erinnert mich an einen Baum. Der ist gegen Wind und Wetter wehrhaft. Aber vermodert der innerlich, dann bricht er bald. Dann fällt die stolze deutsche Eiche, an der sich jede Sau umsonst gerieben hatte.
- Mir sind die Amazonas-Riesen lieber als jene mickrigen deutschen Eichen.
- Aber an denen reiben sich inzwischen auch schon zuviel Säue. Mit deutscher Wertarbeit “Made by Stihl” bereiten die denen den Garaus. Solange man gut verdient und nicht eine Gruppe von außen angreift, klappt doch sowas ganz passabel. Verteidigung ist nicht zu erwarten.
- Wenn die Armen ärmer werden und die Reichen reicher, dann ist das auch nicht so wichtig, wenn es von innen her kommt. Würde es von außen her kommen, dann wäre ein Zetermordio und ein Hauen und Stechen hier in Deutschland gegen den Feind, der die “Familie” angreift. Aber das haben wir ja nicht. Die Armen sind ja selber an ihrer Armut Schuld. Sie arbeiten ja nicht wirklich richtig. Sagen die, die deren Armut festlegen.

Sein Grinsen ließ mich im Redefluss stocken. Er hatte plötzlich was schelmisches an sich. Und irgendwie hatte ich die Befürchtung dieses schwere Sonntagsgespräch würde in seichteres Fahrwasser stranden.
Er schaute mich grinsend an, während er zwei weitere Kölsch orderte.

- Ist ja auch klar. Nicht jeder erbt reich oder kann erster Klasse nach Lichtenstein fliegen. Und schon allein sowas zu organisieren, ist verdammt harte Arbeit. Weiß eigentlich ein Armer, wie teuer so ein privates Schwimmbecken in den eigenen vier Wänden ist? Die Unterhaltskosten? Der tägliche Wasserwechsel? Das Aufheizen auf 36°? Und dann die Küddel der eigenen Kinder rausfischen müssen? Oder jemanden finden, der so eine Drecksarbeit macht? Das ist nicht einfach. Davon macht sich ein Armer kein Bild, wieviel sowas kostet, wieviel man dafür arbeiten muss. Und dann noch all die vielen Biergläser, Sektflöten und Cocktails, die die Reichen in ihrer Freizeit per se vernichten müssen, damit man im Gespräch bleibt.

Der Wirt stellte uns zwei neue Stangen hin.
Wir prostete uns zu und ich ließ mir danach durch den Kopf gehen, dass wir wohl möglich gerade einem Reichen von seiner Last befreiten, in seiner kostbar teuren Freizeit sich um unsere Kölsch zu kümmern.
Besser ist das.
Nicht für so einen, aber für uns.

Hm.
Das Gespräch war abgestorben.
Stille machte sich breit, die die neuerliche Leere unserer Kölschstangen füllte.
Ob ich ihm jetzt nochmals von meiner Erstbesteigung des Zuckerhuts in São Paulo erzählen sollte?

Samstag, 24 Mai, 2008

Kneipengespräch: Wat für e’ CD …

Gespeichert unter: Kneipengespräch — Careca @ 15:07

Seine Zigarettenschachtel rotierte zwischen seinen Fingern.

“Noch zwei Minuten.”

Sein Feuerzeug war schon griffbereit neben seiner Schachtel.

Neben mir machte sich Unruhe bereit. Der Wirt ging zu seinem weißen Sicherungskästchen rüber.
Ich blickte zur Decke. Die Klimaanlage surrte gleichmäßig. Der Wirt hatte vierzehn Tage seine Kneipe still gelegt und eine zweite Decke mit Lüftungssystem eingezogen. Statt der vier Meter hohen Decke war sie jetzt nur noch knappe drei Meter hoch und vermittelte jetzt der Kneipe einen angenehmen klaustrophoben Eindruck. Vorher erinnerte alles an Altbau, jetzt an die kleine gemütliche Kneipe an der Ecke.
Die Tür ging pausenlos auf uns zu. Leute strömten rein.
Ich kramte in meiner Tasche, um mein chinesisches Feuerzeug, meine Moods und die Clubkarte heraus zu fischen.

Er hatte seine bereits demonstrativ vor sich hingelegt. Rechte Hand “Marlboro Rot”, linke Hand ZIPPO-Feuerzeug. Und nicht nur er.

“Zehn. Neun. Acht.”

Sein Blick war auf die Funkuhr überm Tresen gerichtet. Leise zählte er den Countdown.

“Drei. Zwei. Eins.”

Der Wirt legte einen Schalter um, die Klimaanlage fuhr hörbar herunter. Die Gespräche verstummten. Still wurd es. Gespenstisch still. Ein vielfaches Klackern von Feuerzeugen ertönte, tiefe Lungenzüge und verlegendes Gekichern erfüllte die Luft. Dann fast ein chorales Ausatmen und … die Gespräche wurden fortgesetzt, als ob nichts wäre.
Eine Neonschrift leuchtete auf und verkündete “Raucherclub geöffnet”.

Jemand bewegte sich zum Tisch vor der Tür, holte Kladde, Kugelschreiber und Geldkassette hervor und baute sich vor der Tür auf. Es war der Kalle, ein Schrank von Mensch, einfach gestrickt, gutmütig aber auch von mancher brutaler Simplizität. Er hatte vor einer Woche einen Zivilkontrolleur unter Applaus der Anwesenden rausgeschmissen, der die Clubgebühren nicht zahlen wollte. Der hatte sich vorher rein geschlichen und als der Raucherclub eröffnete, war er ohne Clubkarte und stand zudem auch noch direkt neben Kalle. Er meinte, die 5 Euro Clubgebühr von Amtswegen nicht zahlen zu müssen. Er konnte danach Frischluft schnappen.

Der Wirt ging rum und scannte die Clubkarten mit seinem Handscanner ein. Jemand war ohne Clubkarte und wurde zu Kalle geschickt. Ich zündete mir meine MOODS an.
Eine Frau lächelte mich an. Mein Angebot lehnte sie ab. Sie sei Nichtraucherin, aber - wie entschuldigend fügte sie es hastig hinzu - Nicht-Raucherkneipen seien einfach langweilig.

“Kölsch?”

Er stellte mir ohne meine Antwort abzuwarten, eine Stange vor mich hin.

“Haste schon die neusten BAP-CDs?”

Ich schaute ihn an.

“Gibt’s wieder ne neue Best-of von BAP?”
“Nein, es gibt zwei neue.”
“Aha. Und?”
“Was und?”
“Hörbar?”
“Hörbar.”
“Gut hörbar?”
“Gut hörbar?”
“Doppel-CD?”
“Zwei einzelne CDs.”
“Doppelte Geld?”
“Doppeltes Geld.”
“Lohnenswert?”

“Hat wer mal Feuer?”
Sie mischte sich einfach so ein.
Einfach so, als es spannend wurde.
Ich reiche ihr meine MOODS. Sie nimmt sich sie und geht einfach weg. Ohne zu fragen.
Einfach so. So einfach.
Ich wollte mir sowieso ne neue anzünden.

“Und? Lohnenswert?”
“Nein. Die kenn ich. Noch nicht mal löhnenswert.”
“Nicht die Frau. Die CDs.”
“Die lässt an ihre Haut nur Wasser und CD.”
“Solange die nicht die Helen der Charlotte Roche ist.”

Er seufzte.

“Früher hat BAP noch ‘Südstadt, verzäll nix’ gesungen. Heute singen sie ‘Wa’ss loss met dä Stadt ?’ “.
“Tja, Köln hat ich geändert.”
“Niedecken singt über New York.”
“Nicht Kölner Südstadt?”
“Nein, da ist der kaum noch.”
“Jaja, der Jung wird älter. Da setzt die Kosmopolität ein.”
“Der Asphaltpirat singt auch von Uganda und dem Krieg auf den Ilhas Malvinas.”
“Fern ab vom Bahnhofskino, von Weidenpesch, der Ehrenstraße mit seiner Königin oder Städten im Niemandsland?”

Er hielt kurz inne.

“Kauf Sie dir. Sie werden dir gefallen.”

Der Wirt hat die CD gewechselt.
Kölsche Lieder.
Deutsch-rheinisches Heimatliedgut.
Kölsche Songs von BAP.
Nix fürs bayrisch-deutsche Hochdeutsch-Gemüt …

Songs sinn Dräume, manchmohl Dräume,
Déjà-vus vun jet, wat noch wohr weede soll.
Songs sinn Länder, fremde Länder,
wo mer immer schon hin wollt,
wo mer immer schon hin wollt…

Songs sind Träume, manchmal Träume,
Déjà-vus von jetzt, was noch wahr werden soll.
Songs sind Länder, fremde Länder,
wo man immer schon hin wollte,
wo man immer schon hin wollte….

Montag, 31 März, 2008

Kneipengespräch: Schön obszön

Gespeichert unter: Kneipengespräch, Notizen an das Leben, Pluster me up — Careca @ 23:57

Er saß wieder neben mir.
Vor sich ein Notebook mit WLAN.
Ich hatte schon einige Kölsch intus. Und er ebenfalls.
Und mir war nach dem letzten Kölsch so was von rollig, so was von rattig, so was von erhitzt!
Und er hatte garantiert Google auf seinem Rechner.
Die Antwort auf alle rolligen Fragen rolliger Männer.

Und da fiel von mir die verhängnisvolle Frage, während er zwischen Salzjebäck und Bier vor sich hin surfte …

- Und, was sagt dein Notebook? Wo ist Poppen angesagt?
- In Aurich und auch sonstwo in Ostfriesland.
- Was? Ich mein, wo gibt es am meisten Ficken?
- Etwas südlicher. Im Emsland. Oder auch Cuxhaven. Also auch Region Ostfriesland.
- Was denn? Wenn da soviel Poppen und Ficken … ähem, gibt es da so viele Muschis, Pflaumen, Mösen, Säcke, Pimmel und Schwanze?
- Nicht wirklich. Muschi gibt es nur zweimal in München, Pflaumen einmal in D-Dorf-Stadt, die meisten Mösen in Löbau-Zittau und Paderborn, Säcke laufen Dutzendweise in Berlin rum und Pimmel findest du am häufigsten in Rheingau-Taunus-Kreis. Und suchst du einen Schwanz, dann haste die meisten Chancen im Wartburgkreis, Sigmaringen und Berlin.
- Moment einmal! Wie soll das denn gehen?!? Das ist ja total mies verteilt. Steht da jeder auf etwa Wix …
- Nicht wirklich. Gerade mal ein Wixförtchen ist in Gütersloh aufzufinden.
- Na dann aber mindestens a Nal …
- So achtmal in Gelsenkirchen.
- Hoffentlich dann aber mehr Oral, oder?
- Nun ja. Oral gibt es am meisten in Hamburg, Mannheim und Berlin.
- Berlin, Berlin und wieder Berlin! Immer nur Berlin! Wie viel Berliner haben wir denn?
- Na ja, so über 300 und die meisten finden sich unter anderem in Hamburg.
- Häh? Ich dachte, da wären Hamburger?
- Quatsch. Hamburger findest du am meisten in Frankfurt und Umgebung, in der Nähe von Karlsruhe und in und bei München.
- Ja. Spinn ich denn? Du meinst die Bayern?
- Nein, Bayern gibt es nur im Oberallgäu und in Berlin. Die meisten Preußen dafür in München.
- Moment. Eigentlich wollte ich doch nur wissen, wo in Deutschland was abgeht. Da, wo die Rammelkammern sind. Wo sind Ram-mel-kam-mern?
- Im Nürnberger Land.
- Echt?
- Ja. Sechsmal.
- Echt das Nürnberger Land hat sowas? Du redest doch von Deutschland?
- Nein. Von Rammelkammern. Aber Deutschland gibt es am meisten in Berlin.
- Was? Ich versteh jetzt nur noch Bahnhof.
- Am meisten Bahn gibt es wiederum in Berlin, aber Hof findest du in Siegen-Wittgenstein und in Altenkirchen.
- Ich geb es auf. Dann frag ich jetzt mal geradlinig heraus: Wo finde ich heute abend eine Hure? Oder eine Nutte?
- Hure findet sich als Telefonbucheintrag nicht.
- Was? Null Nutte?
- Nutte soll es in Raststatt geben. Eine.
- Nur eine?
- Suche dir lieber einen Stricher. Da wirst du zumindest in Heinsberg oder Nordhausen fündig. Aber ich empfehle dir Heinsberg. Da haste auch noch religiösen Rückhalt. Denn die meisten mit Namen Pastor findest du in Aachen. Alles klar?
- Danke. Du bist ja total Wissend.
- Nein. Wissend lebt offenbar in Rosenheim. Gemäß den Daten von der Internetseite “Verwandte-Karten”.
- Das interessiert doch keine Sau!
- Ehrlich? In Deutschland gibt es 10 Telefonbucheinträge zum Namen Sau und damit ca. 26 Personen mit diesem Namen. Diese leben in 5 Städten und Landkreisen. Die meisten Anschlüsse sind in Uelzen gemeldet, nämlich 2. Weitere Kreise/Städte mit besonders vielen Namensträgern sind Emsland (2), Bielefeld (2), Essen (2) sowie Lörrach (2). Tran Sau kommt als kompletter Name in Deutschland am häufigsten vor.
- Aaaaaaaaaaaaaarrrrrrrrrrrrrrrgh …
- Nebenbei, wusstest du, dass der Name Ottovordemgentschenfelde circa 30 Mal in Telefonbüchern aufgeführt wird? Und einer davon war der stellvertretende Stadtbrandmeister Heinz-Dieter Ottovordemgentschenfelde. Dessen Abschied ist im Internet dokumentiert. Ansonsten: Niemand findet man am meisten im Hochsauerlandkreis und rate mal, wo noch? Eben! In Berlin! …

„Wir werden über Bücher sprechen, und zwar, wie wir immer sprechen: liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig, aber auf jeden Fall sehr klar und deutlich. Denn die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritik der Kritiker.“
(Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett am 18. März 1993)

Tja, das war jetzt von mir der Versuch einer Buchbesprechung.
Der Versuch einer Telefonbuchbesprechung.
Ein weiterer Versuch auf dem Buchbesprechungsmarkt, originell zu sein …
Und das mit der Hilfe der Übersichtskarten von Verwandte.de

Hat’s gefallen?

„Und so sehen wir betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
(Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett )

Anm.:
Ich weiß nicht, ob hinter den oben verwendeten Namen reale Personen stecken. Jene Namen habe ich lediglich in der oben verlinkten Seite eingegeben und Daten erhalte, von denen ich nicht weiß, ob sie richtig sind. Aber witzig fand ich es allemal.

Dienstag, 29 Januar, 2008

Wolle mer se rinnlosse?

Gespeichert unter: Kneipengespräch — Careca @ 1:35

“Alaaf!”

Er blies mir die Luftschlange knapp am rechten Ohr vorbei. Ich zuckte zurück, aber es half nichts. Sein rechter Arm zog einen Halbkreis und leise rieselte das Konfetti über Zigarette und Kölsch.

“Alaaf!”
“Ja, Sie mich auch! Sie haben mein Kölsch verkonfettiert!”
“Och, es ist ja Karneval!”
“Na und? Ich bestehe auch im Karneval auf das deutsche Reinheitsgebot. Und dass das auch für Kölsch gilt!”
“Ein Reinheitsgebot gilt nur da, wo was wie Rhein ist. Und hier ist maximal Isar. Und sowieso am Aschermittwoch ist …”
“Das ist mir egal. Dann ist mein Kölsch schal und das Konfetti garantiert noch immer drinne.”
“Na, da haben wir aber miese Laune, oder was?”

So gerne ich auch in der Kölsch-Kneipe mein Kölsch trinke, so ungern lasse ich mich bei meinen meditativen Momenten mit Zigarette stören. Insbesondere, da jetzt die Zigarette draußen vor der Kneipentür zu verrauchen ist.
Aus Nichtraucherschutzgründen.
Nichtraucher stehen jetzt EU weit unter Naturschutz.
Sind halt ein aussterbendes Viehzeugs.

“Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, zum Rauchen würde man der Kneipe verwiesen. Ich hätte Wahnsinn gesagt. Waaaaahnsinn. Alaaf!”

Und wieder warf er Konfetti. Ich wühlte in meiner Hosentasche und fingerte eine Kamelle heraus und gab sie ihm.

“Hier. Habe ich vom Karnevallsumzug.”
“Eine Kamelle?! Die haben Kamelle geschmissen?”
“Yep.”
“Waaaahnsinn. Ein dreifaches ‘München Alaaf’.”

“Ruhe, du Depp, du damischer Preiß da unten!”, schallte es plötzlich von oben. Jemand schloß wütend das Fenster.

Er schaute mich über seine Kölschstange an.

“Wie war der Umzug?”
“Wie das Ungeheuer von Loch Ness. Ich hab den Umzug gesehen und fotografiert. Aber auf den Strassen erinnert fast gar nichts mehr, da wo der entlang gezogen ist. In Köln war an der Zugstrecke selbst nach Ende des Zuges noch was los. Aber hier in München … Tabula rasa. Horror vacui. Wie eine Fata Morgana. Nichts. Nada. Niente. Nullinger.”
“Nichts?”
“Nichts. Absolut nichts. Nicht mal ein Bierstand.”
“Kein Wunder. München ist karnevalistische Diaspora. Straßenkarneval kennen die doch nicht. Rheinischen Frohsinn kennen die doch nur vom Hören-Sagen.”

Ich nicke. So kenn ich es auch. Wenn nicht gerade Karneval im Rheinland ist. Ohne Karneval können Rheinländer schon verdammt Un-Frohsinnig sein.

“Die einzigen Umzüge, die die hier in München kennen sind Fackelmärsche, Fronleichnam und Prozessionen.”
“Prozessionen? Zum Oktoberfest?”
“Wohin sonst? Die Ehrentempel wurden ja schon vor Jahrzehnten gesprengt. Und an irgendwas will sich die Münchener Seele ja besaufen können.”
“Rechts stehen, links gehen.”
“Ja. Wer sich nicht rechts aufstellt, wird links gegangen.”
“Das Leben als Rolltreppenphilosophie.”
“Und sobald man mit der Rolltreppe aus dem Untergrund an die Oberfläche gekommen ist, gilt Rechts vor Links!”
“Alaaf!”
“Helau!”
“Stösscken.”

“Ruhe!”

Es kann der Frömmste nicht in Frieden sein Kölsch saufen, wenn es dem bösen Nachbarn über der Kneipe nicht gefällt. Solche Ruhestörer gibt es überall. Ich nehme eine Kamelle, ziele und werfe sie gegen das Fenster des “Ruhe”-Brüllers.
Dessen zornrotes Gesicht taucht auf und er scheint irgendwas zu sagen. Dank Doppelverglasung sehen wir ihn nur wie ein Fisch, der seinen Mund immer wieder öffnet und schließt. Ein Prosit auf die Gebäude-Energiepässe. Damit werden die Gebäude nicht nur wärme-isolierter, auch Ehekräche versickern in der Isolierung und die Straße bleibt ruhig.

Wir schauen in unsere Kölschgläser. Der Anblick meines Glases in der kalten Winterluft erinnert mich an das Weltall: So kalt und so leer.
Wir schauen uns an. Er nimmt sich eine Luftschlange, greift in seine Tasche und blickt mich auffordernd an. Ich nicke.

“Okay. Gehen wir wieder rein. Frischluft schnuppern.”

Luftschlange und Konfetti werfend öffnet er die Tür.
Während “De Höhner” gerade bei gedämpfter Lautstärke von der weiter ziehenden Karawane singen, deutet er dem Wirt an, dass wir wie Sultane mit Durst seine.
Der Wirt stellt zwei Kölsch vor uns hin und wir greifen zu.

“Stösscken!”
“Alaaf!”
“Hau weg!”

Wir nehmen einen tiefen Schluck und schauen aus dem Fenster.
Die Straße ist ruhig.
Vielleicht kommt ja noch wer rein zum Karneval-Feiern.
Zu zweit mit Wirt ist es langweilig.
Erst recht zu Karneval.

Samstag, 15 Dezember, 2007

Gott mit dir, dem Bayernvolke

Gespeichert unter: Kneipengespräch — Careca @ 9:44

Leise rieselt der Schnee. Draußen vor dem Fenster der Kneipe.
Unweit links von mir saß er und stieß mit mir wieder mal auf das Leben an.
Mit Kölsch versteht sich.
Alles andere wäre eh nie das wahre Leben.

“Es werden jetzt die letzten Tage bei Kölsch und Zigarette in trauter Zweisamkeit sein.”

Ich nicke.

“Solche Tage muss man genießen, solange sie einem noch vergönnt sind. Im nächsten Jahr schlägt die Apartheidpolitik in Bayern voll zu.”
“Apartheidpolitik? In Bayern gibt es keine Rassisten. Nur Wissenschaftler!”
“Nein, nein. Mit Apartheidpolitk meine ich doch jetzt nicht das Synonym für “Rassentrennung” sondern die Trennung von Gaststättenbier und Zigaretten in geschlossenen Räumen.”
“Ach so.”

Es stimmt. Nach Meinung der bayrischen Politiker schädigt das Rauchen ganz erheblich die Gesundheit der Menschen. Aber allerdings doch nicht so sehr, dass Zigaretten gleich ganz verboten gehören.

Ich nehme einen tiefen Zug meiner frisch aus Frankreich importierten Gauloises Maïs.
“Gauloises” heißt übersetzt die “Gallierinnen”.
Es wird die Marke der neuen Résistance des neuen Rauchverbots in Bayern werden.
Ganz Bayern hat das Rauchverbot geschluckt.
Ganz Bayern?
Nein, nur ein kleines Völkchen, Sympathisanten der Gallier … “Bleeder Zipfeklatscher! Dreckerter Saupreiß” … was sonst. Gallien liegt bekanntlich in Südschweden. Nördlich des Weißwurstäquators.
Jenseits von drüben ist bekanntlich für Bayern alles Südschweden …

Gauloises Maïs sind sozusagen das heftigste, was es an Zigaretten zu rauchen gibt. Manche bezeichnen diese als unrauchbar. Das kommt von den Maisblättchen, mit denen der Tabak gedreht wird. Andere meinen, dass diese Zigaretten aufgrund ihrer Stärke unter das Betäubungsmittelgesetz (BMG) fallen müssten.
Aber inzwischen tun es schon billige Tankstellen-”Marlboro Gold” aus Ungarn. Mit diesen lässt sich unter der Mehrheit der Raucher das Urteil “unrauchbar” beweisen und nicht wenige nicken auch, sollte nach einer Behandlung nach dem BMG erfolgen …
Dabei ist lediglich der Kamelmistanteil niedriger als in normalen Schmuggelzigaretten, die nicht aus Nahost kommen …
In Fernost schmecken die billigen Zigaretten eh wie “Hund hinten” …
Rauchen ist schädlich?
Ist Rauchen schädlich?
Freilich.
Das ist es.
Was sonst?

Ich nehme einen Schluck aus meinen Glas und schaue meinen Nachbarn an, der sich wieder mal in Rage geredet hat.

“Diese Politiker. Verbieten einfach die Gemütlichkeit mit einer Zigarette. Dabei geht die bayrische Gesellschaft doch schon am Alkoholismus zugrunde. Aber ohne Alkohol können sich bayrische Politiker deren eigene Gesetze nicht mehr so schön saufen, dass sie im Landtag dafür auch noch stimmen mögen. Also wird das Land Bayern bei einem Maß Bier zum Nicht-Raucher-Land erklärt. Und dann heißt es noch: Bitte, liebe Bayern, raucht aber gefälligst weiter, denn erstens benötigen wir die normale Tabaksteuer nebst Extra-Steuer pro Zigarette für den Kampf gegen den Terrorismus. Und was wird mit den Tabaksteuern finanziert? Münchner Brauereien, die eh nur noch deswegen überleben, weil sie eine Monopolstellung für das Oktoberfest haben und den Landtag frei Haus beliefern dürfen, damit sich die Politiker ihre Gesetze schön saufen können … .”

Er muss Luft holen und seine trocken geredete Kehle anfeuchten.
Der Schluck aus dem Glas lässt die Luft die absolute 100 % Mehrheit in der Glasfüllung.
Er hat es auch erkannt.

“Oberspielleiter! Einmal Luft rauslassen, bitte!”

Der Wirt stellt ihm eine neue Stange hin, hält seinen Bierdeckel kurz fest und zieht mit sicherer Hand einen neuen Strich auf dessen Deckel.

“Könnt Ihr mit der Diskussion, um das Für und Wider in Kneipen aufhören? Es nervt mich langsam.”

Ich schaue den Wirt an. Er beteiligt sich sonst nie an Diskussionen.

“Und wie sehen Sie die neuen Gesetze?”
“Wie alle, ich werde weniger Gäste haben. Werde weniger verkaufen. Meine Aushilfe werde ich nicht mehr brauchen. Der wird sich mit den anderen Aushilfen in die Reihe der erneut Arbeitsuchenden einreihen. Und die Raucher, die trotzdem noch kommen, die werden nachher vor der Tür rauchen. Und dann kommt die Polizei, weil sich sicherlich Anwohner wegen den Unterhaltungen vor der Tür in ihrer Nachtruhe gestört fühlen. Dann krieg ich ne Abmahnung vom Kreisverwaltungsreferat. Und dann wird mir irgendwann wohl die Lizenz entzogen. Und dann ist Ruhe und keiner wird hier über das Für und Wider von Rauchen in Kneipen reden. Schön, nicht wahr?”

Ich schaute meinen Nachbarn an.
Und wir schweigen.
Ruhe.

Gott mit dir, du Land der Bayern,
deutsche Erde, Vaterland!
Über deinen weiten Gauen
ruhe Seine Segenshand!
Er behüte deine Fluren,
schirme deiner Städte Bau
Und erhalte dir die Farben
Seines Himmels, weiß und blau!

Blau, ja.
Aber von ab nicht mehr durch blauen Rauch in Kneipen.
Die Alkoholfahne des bierdimpfelnden Bayernpolitikervolkes, die Fahne eines jeden muss es jetzt alleine besorgen.

Stösscken, du Liberalitas Bavariae.

Die Liberalitas Bavariae, auf die man in Bayern immer so stolz ist, geht vom Volke aus, sagt man.
Aber wohin sie im Jahre 2008 ausgeht, das weiß nicht so genau.
Vielleicht geht sie auch nur aus. Wie die Milch im Kühlregal am Samstag um 19:59 kurz vor Toresschluss … .

Ausgehen kann man in Bayern in 2008 weiterhin.
Nur Rauchen ist dann verboten.
Aber Alkohol geht noch.
Immer.
Prost.

Mein Nachbar und ich schweigen noch immer.

Leise steigt blauer Rauch wie die erwachte Schlange der Kundlini auf und löst sich im höchsten Punkt im Scheine der Lampen auf. Vereinigt mit der kosmischen Seele und dem Menschen höchstes Glück bringend. Dass aber die Erweckung der Kundalini auch erhebliche Gefahren in sich birgt, das weiß jeder Raucher, der seine blaue Rauchschlange gen Himmel bläst.

“Kennt wer von euch beiden eigentlich Jim Jarmusch Filme “Smoke” und “Blue in the Face” mit Harvey Keitel?”

Wir schauen den Wirt stumm an.
Uns ist nicht nach Filmquiz zumute.

Ich blase Rauchkringel und verfolge, wie sie sich in Luft auflösen.
Stille.

Es werden jetzt die letzten Tage bei Kölsch und Zigarette in trauter Zweisamkeit sein.
Solche Tage muss man genießen, solange sie einem noch vergönnt sind.
Im Jahr 2008 schlägt dann die Apartheidpolitik in Sachen Raucher und Nichtraucher in Bayern voll zu.

Ruhe.

Freitag, 28 September, 2007

Von Weihnachtsmännern und Affären …

Gespeichert unter: Kneipengespräch, Notizen an das Leben — Careca @ 17:39

Ich sah aus dem Fenster. Draußen rührte sich nichts bis wenig. Die Kneipe hatte früh auf. Das Kölsch schmeckte immer noch ein wenig wie gestern. Aber es gibt schlimmeres.

Zum Beispiel die Geschichte von dem Wies’n-Besucher, der nach dem Oktoberfest zu seinem Freund nach Hause ging, den Freund nicht antraf und dann meinte, dessen Wohnung von außen betreten zu müssen. Ein Hotelbesucher hörte später leise Hilferuf. Eine genaue Ortung der Rufe durch die Münchner Feuerwehr ergab, dass der Wies’n-Besucher 28 Meter tief in einem toten Haus-Kamin gefallen war. Der Wies’n-Besucher hatte sich in seinem Oktoberfestbierrausch offensichtlich aufs Dach begeben und fiel dann in einen Kamin.
Als man ihn fragte, ob er was benötige, war seine Antwort aus den Tiefen des Kamins: “Durst.” Man ließ ihm eine Flasche Mineralwasser runter, bevor er befreit wurde. Vielleicht hätte der Kaminbenützer lieber “A Maß” rufen sollen, statt die Oktoberfest-obligatorische Bestellformel “Durst” zu verwenden …

Im übrigen beweist diese Geschichte natürlich nicht nur, dass hier in München die wundersame jesu-erinnernde Wandlung von literweise Bier in Wasser vor sich geht, sondern diese Geschichte ist auch der endgültige Beweis, dass es Weihnachtsmänner gibt.

Die Frage ist jetzt natürlich, wie viele Weihnachtsmänner in München nach dem Oktoberfest in wie viele toten Kaminen vor sich hin modern. Erst werden die Weihnachtsgänse und -enten massenweise gekeult und jetzt müssen wir auch noch feststellen, dass die Weihnachtsmänner suizid gefährdet sind.
Das sind ja frohe Weihnachtsaussichten.

Der Regen tröpfelte auf das Pflaster vor der Kölschkneipe.

“Weißt du, als ich eine Affäre hatte, da hatte ich eine richtig entspannte Zeit.”

Ich sah ihn an. Seine Augen waren leicht angequollen und er sah vollkommen unausgeschlafen aus.

“Wahrscheinlich lag es daran, dass ich völlig entspannt war. Und dann war es auch meine Frau. Kein Stress.”

Er sah in seine Kölschstange und seufzte.

“Bis sie es bemerkte. Meine Affäre war der Meinung, ich sei zu entspannt. Und dann hat sie erst mir und dann meiner Frau Stress gemacht.”

“Und jetzt geschieden?”

“Ach wo. Wir haben uns berappelt.”

“Seltene Sache.”

“Das war vor zwei Jahren. Aber jetzt bin ich halt nicht mehr so entspannt. Der Job bringt Stress, ich komm gestresst nach Hause und meine Frau reagiert wegen meinem Stress gestresst. Und damit beginnt sie mir ebenfalls heftig Stress zu machen. Eine ewige Spirale nach unten. Ich komm kaum mehr zu meiner entspannten Einstellung zurück.”

Ja, ja, das Leben ist hart, dachte ich mir ironisch.
Aber sagen wollte ich ihm nicht, dass er mir am Arsch vorbei gehe. Und dass ihm mit dem Streß Recht widerfahre wegen seiner damaligen Affäre. Affären sind Beziehungstöter. No-Go-Area.
Ich schaute in mein Kölsch.

“Weisste was? Ich muss diese negative Spirale durchbrechen und meine Ehe retten, bevor alles den Bach herunter geht.”

Er nahm einen Schluck von seinem Kölsch.

“Ich such mir wieder ne Affäre. Dann bin ich wieder entspannter, wenn ich nach Hause komme und stresse meine Frau nicht mehr. Und sie wird dann auch weniger gestresst, mehr entspannter. Wir werden dann wieder glücklich zusammen.”

Ich blickte durchs Fenster.
Auf den nassen Asphalt.
Das Kölsch schmeckte immer noch ein wenig wie gestern.
Aber es gibt eben schlimmeres.

Sonntag, 9 September, 2007

Über Konvertiten und Gefährder

Gespeichert unter: Kneipengespräch — Careca @ 16:51

- Was ist denn das?

Die Stimme kam mir bekannt vor.

- Kein Kölsch? Ist das ein Alt-Bier?

Ich schaute mich um. Er war wieder da.

- Herr Oberspielleiter, dunn mir ne Kölsch! Das ist ein Alt-Bier, nicht wahr? Du bist umgeschwenkt?

- Das ist kein Alt-Bier, das ist Alt mit einem Schuß Malzbier.

- Aber Alt-Bier! Du bist doch nicht krank? Oder machste jetzt auch auf Konvertit?

- Auf was?

- Auf einer von den Konvertiten.

Was sollte das jetzt sein? Mühsam hatte ich mir beigebracht, was Stalagmiten sind. Dass diese das Gegenteil von Stalagtiten sind widerum aber kein Stalagtitten, auch wenn beides hängt.
Und jetzt er mit einem super neuen Fremdwort daher …
Angeber, elender.
Ich nahm ein Schluck des süßen Alt-Bieres und schaute ihn fragend an.
Der Wirt schob ihm ein Kölsch herüber und er nahm schnell einen Schluck.

- Die drei Terrositen neulich, die die Polizei hopps genommen hatte. Die beiden Deutschen der drei hatten die Glaubensseiten gewechselt. Einfach zu dem Islam kontertiert. Daher nennt man solche auch Konvertiten.

- Also sowas wie der Moslem Muhammad Ali, der vorher der Christ Cassius Clay war?

- Genau. Wie Malik Abdul Aziz oder Franck Bilal.

- Wer sollen diese sein?

- Der eine nannte sich zuvor Mike Thyson. Der andere begeistert als Franck Ribéry in der laufenden Fußballsaison Fussballfans. Wussten Sie übrigens, dass selbst in der Familie der Bushs Konvertiten gibt? Den Georg W. und seinen Bruder Jeb.

- Sind die jetzt auch Moslems?

- Nein, der eine Konvertit ist jetzt Methodist und der andere Katholik.

- Ich dachte der erstere wäre Präsident. Egal. Wenn ich also meine Glaubensansichten ändere, bin ich also Konvertit?

- Richtig.

- Und wen interessiert es? Glaubenswechsler gibt es viele und es hat niemand großartig interessiert. Der ehemalige Innenminister Otto Schilly war erst Rechtsanwalt der RAF, dann wurde er Grüner. Dann wechselte er zu SPD und wurde dann Innenminister unter Schröder. Jeder soll halt nach seiner eigenen Fasson glücklich werden.

- Der bayrische Innenminister Beckstein hat jetzt dem Handelblatt gesagt, dass Konvertiten eindeutig dazu neigen, sich durch besonderen Fanatismus der neuen Glaubensrichtung als würdig erweisen zu wollen und somit zu 150%igen werden.

- Wie Otto Schilly oder Georg W..

- Nicht ganz. Beckstein dachte dabei mehr an den Paragraphen §129, der sich mit kriminellen Vereinigungen befaßt.

- Stimmt. Eine kriminelle Vereinigung ist ja nur als solche anzusehen, wenn es keine Partei ist, hatten Sie mir mal erklärt.

- Aber klar. Beckstein redete eher über Fritz und Daniel, unsere beiden Wasserstoffperoxid-Experten.

Ruhe.
Mir kam der Gedanke, dass die Deutschen im Ausland immer gerne “Fritz” gerufen werden. Und “Fritz” ist auch immer gerne blond. Und jetzt hat Fritz auch noch Wasserstoffperoxid gehortet. Wenn jetzt in solchen BILDartigen Zeitungen wie SUN etc. stehen sollte, “Fritz plante Attentat mit Wasserstoffperoxid in Deutschland”, dann bleibt zu hoffen, der Leser versteht es trotzdem.
Nun ja, Terroristen sind im Grunde ihres Herzens und Gemüts ja immer recht blond. Da bräuchte es normalerweise kein Wasserstoffperoxid. Daher hatte es die Polizei ja auch schnell ausgetauscht.
“Wasser, Stoff und per Oxid sind für kleine Fritzchen nix.”
So oder so ähnlich wird wahrscheinlich bei der Polizei gekalauert.
Ich schätze, Fritzchen-Witze sind seit den beiden Fritz und Daniel ganz groß im Kommen …

Während ich mir langsam einen Schluck vom Alt-Bier gönnte, setzte er neben mir schon die zweite Kölsch-Stange an.

Hätte ich ihm jetzt sagen sollen, dass ich Otto Schilly und Georg W. aufgrund deren 150%igen Politik nicht wirklich mag? Der eine hatte hier entschieden den Orwellschen Staat vorangetrieben. Die Art von Staat, die er als Grüner zuvor politisch bekämpft hatte. Und der andere redet dauernd von Frieden und Freiheit. Seine Taten heißen aber Guantanamo, Afganistan und Irak. Rechtsfreies Gefängnis und menschenmordender Krieg.

Ein weiterer sehr bekannter Konvertit war Saulus. Er hatte vorher als Römer fleissig gegen Juden und deren Sektierer gehetzt und gemeuchelt, wo er sie nur traf. Da wurde er ganz schnell durch einen Blitz erleuchtet, es haute ihn aus seinem 1-PS-Sitz, in Folge nannte er sich Paulus und hetzte dann ungerührt gegen die Juden weiter.

Von ehemaligen Rauchern sagt man auch, dass es 150%ige seien. Das seien die militanten Nichtraucher, die bisweilen recht rabiat gegen Raucher hetzen. Und das obwohl diese brav ihre Tabaksteuer zahlen und die Abstinenz der Ex-Raucher zum Wohl der nie-rauchenden Steuerzahler auf deren eigenen Schultern umverteilen. Denn wer raucht, hilft nicht nur das finanzielle Staatssäckel zu füllen. Nein, seit November 2001 unterstützt der Raucher mit jeder Zigarette aktiv den Kampf gegen den Terrorismus durch eine erlassene Tabakzusatzsteuer. Rauchen im Kampf gegen solche wie Daniel und Fritz.
Ob diese beiden gefährlichen Möchtegern-Terroristen Raucher sind? Sie hätten somit den Kampf gegen sich selber finanziell unterstützt. Aber da dürfen die beiden 150%ig sicher sein, dass dieses vor Gericht dann nicht strafmildernd gewertet wird.

Während ich meiner Gedankenonanie noch ein wenig nachhing, schob er mir ein Kölsch vor die Nase und nahm mir das Alt weg.

- Komm trink mal wieder was vernünftiges. Das schönste am Konvertitentum ist ja, wenn man danach wieder heim kommt, gelle? Man konvertiert ja nur, um dann wieder zu Muttern zurück zu kehren. Stößcken!

Er stieß mit seiner Stange - inzwischen der dritten - an mein Kölsch und nickte mir aufmunternd zu. Ich hätte zwar gern mein Alt noch ausgetrunken, aber es gibt Dinge, die müssen getan werden. Oder wie hieß es noch in dem Adolf Winkelmann’schen Film “Jede Menge Kohle” (der erste in Dolby-Stereo aufgenommene Film weltweit):
“Es kommt der Tag, da muss die Kettensäge sägen.”

Ich ergriff meine Kölschstange, prostete zurück und nahm ein Schluck.
Naja. Ne Cola wäre mir da jetzt lieber gewesen. Egal.
Er stubste mich freundschaftlich an die Schulter.

- Wissen Sie, was ich in diesem ganzen Terroristenkuddelmuddel erstaunlich fand? Gestern jenes Video mit dem Osama bin Laden.

- Ich hab es mir nicht angeschaut. Es war nicht nur nicht mit Unterttitel sondern auch nicht synchronisiert. Sowas schaue ich mir dann nicht an.

- Ist Ihnen der Bart von diesem Osama aufgefallen? Der war schwarz!

- Schwarz?

- Der hatte sonst doch immer so einen straßenkötergrauen Bart.

- Hm, sollte Osama auf sein Alter eitel werden und ihn sich schwarz gefärbt haben?

- Oder er hatte sich damals seine Barthaare schon immer grau gebleicht.

- Ja, das könnte passen. Früher hatte er noch selber seine Bomben mit Wasserstoffperoxid gebastelt. Heute lässt er die Fritz und Daniels dieser Welt basteln. Das entfärbt seinen Bart nicht mehr so. Er wird wieder schön schwarz. Nebenbei, man könnte Osama nach diesem Video auch in die Reihe der Glaubenswechsler und Konvertiten stellen. Er hat in dem Video kaum mehr von seinem alten Glauben, dem Islam, gesprochen. Er sprach jetzt von seinem neuen Glauben, der politischen Überzeugung. Osama als Terrorist war ja schon immer mies. Aber als Politiker-Konvertit? Dann wird er garantiert 150% mieser …

- Und vom Beckstein beobachtet. Jetzt wird mir einiges klarer, warum manche eher als Gefährder eingestuft werden als andere.

Er nahm einen Schluck und schaute mich fragend an.

- Warum?

- Wer eine bestimmte Einstellung schon seit langem hat und dort wohnt, wo sie beheimatet ist, der brauch’ nicht beobachtet werden.

- Von welchen Gegenden reden Sie?

Er schaute mich verständnislos verstört an.

- Ich rede von Gebieten in Ost- und West-Deutschland, wo es keinerlei Konvertiten gibt. Die Neonazis in den No-Go-Gebieten. Da, wo man noch ungestraft Ausländer jagen darf, und von der Politik noch Rückenwind bekommt.

Er schaute mich befremdet an, nahm einen letzten Schluck und warf einen Zehner in Richtung des Wirtes. Er hob zum Einwand seine Hand hoch. Aber jetzt wollte ich meinen Gedanken noch zuende bringen.

- Wenn der Politiker Gauweiler beispielsweise, die Grundeinstellung des politisch korrekten Großlagers in Deutschland gegen rechts in Frage stellt und diesen wenig Nachdenken, viel Hysterie und noch mehr Selbstgerechtigkeit beim Kampf gegen Rechtsradikale vorwirft, dann wird klar, dass der Staat gegen Rechtsradikale erst was unternimmt, wenn diese zu Linksradikale konvertieren, oder? Weil dann sind es die 150%igen und nicht nur ein Mob, der eine Pizzeria mit Indern belagert.

Er ließ die Hand sinken, schaute mich finster an und das letzte, was ich von ihm hörte, bevor er die Kneipe verließ, war ein verärgertes:

- So ein Quatsch!

Der Wirt kam zu mir herüber und schaute mich fragend an:

- Na? Vertreibste mir wieder meine Gäste?

- Nein, ich versuche mir nur schwierige Fragen einfach zu stellen.

- Welche?

- Bin ich Konvertit? Oder was trinke ich als nächstes?

- Und? Was kann ich dir bringen?

- Keine Ahnung. Bring mir mal ein Kölsch im Altbierbecher …

Sonntag, 17 Juni, 2007

Sei mal verdrossen, Politiker …

Gespeichert unter: Kneipengespräch — Careca @ 18:04

Mein 3. Beitrag mit Trackback zum politischen Blog-Karneval
(Link)

und gut is …

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Verdrossenheit ist eine besonders perfide Variante von nicht-Fisch-nicht-Fleisch in puncto Zufriedenheit.

Und dann gibt es die Steigerung: Politikverdrossenheit.
Mir ist das Wort an jenem Abend nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Das Wort taucht inzwischen in der Öffentlichkeit wieder häufiger auf.

1992 war es zum “Wort des Jahres” in Deutschland gekürt worden. Das “Unwort des Jahres” als Gegenpol war “Ethnische Säuberung”. “Ethnische Säuberung” wurde zur international übliche Bezeichnung für die Vertreibung von Völkern gefunden.

Aber “Politikverdrossenheit”? Das Wort gleicht dem Mentekel für den Wahlrecht-Innehabenden. Wählst du nicht, dann gehört es dir entzogen. Denn wer nicht mitreden will, der braucht auch keine Stimme. Der braucht sie auch nicht bei der Wahl.

“Das stimmt. Aber was macht der, der seine Stimme bei der Wahl abgibt? Ist der stumm? Muss er stumm sein? Schließlich hat er sie doch für vier Jahre abgegeben und kriegt sie erst mit der nächsten Wahlbenachrichtigung zurück.”

Moment.
Was ist das denn jetzt hier?
Ich schaue zur Seite und stelle fest, dass ich wieder in meiner Kneipe stehe. Und er direkt neben mir.
Vor mir steht ein ein Karlsruher Hoepfner Pilsener. Rechts daneben ein Kö-Pi und links daneben ein Glas Alt-Bier.

“Nun mein Bester, du hast drei Bier-Sorten vor dir stehen und welches wirst du jetzt trinken.”
“Ehrlich? Diese Biere sind mir alle voll unsympathisch. Von links nach rechts immer unsympathischer.”
“Welches trinkst du nun?”
“Keines.”
“Du bist Bierverdrossen!”
“Quatsch! Du hast mir nur nicht das richtige vor mir hingestellt.”
“Tja, und so ist es mit der Politik.”
“Also Politikerverdrossenheit. Und nicht Politikverdrossenheit.”
“Und Politikerverdrossenheit ist das, was von Politikern am ungernsten gehört wird. Stellt es doch deren eigene Existenzberechtigung auf den Prüfstein.”
“Sie haben doch das Mandat derer Wähler.”
“Aber dann vielleicht doch nicht das Mandat im Sinne der Väter des Grundgesetzs?”

Er macht das Thema nicht einfach. Die Väter sind doch schon alle unter der Mutter Erde, die die Gerichtsinstanzen in mühsamer Einzelarbeit bereits umgegraben haben.

Der Wirt räumt die drei Gläser ab. Mit einem zufriedenem Brummen gießt er jedes einzeln genussvoll in den Ausguss. Ich atme erleichtert und dankbar durch. Da sind doch drei Kelche fiesestem Inhalts an mir vorüber gegangen.

Erfreut nehme ich vom Wirt ein frisches Kölsch entgegen.

“Komisch. Ich musste gerade an den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Uhl
denken. Der hatte mit den VW-Gewerkschaftsbossen Sexparties in Seoul und Barcelona organisiert. Vögeln und Poppen aufs Wohl und Wehe der Werktätigen. Wenn ich mir überlege, dass der Uhl seine Wähler repräsentiert, dann müsste man von jedem seiner Wähler wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen und Beihilfe zur Untreue zu 39.200 Euro Strafe verurteilt werden.”
“Da wäre das Land Niedersachsen schnell saniert.”
“Und der Osten wäre nicht mehr so allein beim Warten auf blühende Landschaften. Oder der Uhl repräsentiert nur sich und nicht seine Wähler. Aber das weist ja jeder Politiker im namen der Demokratie von sich. nur …”
“Ja?”
“… selbst Berlin haben die Politiker schon wirtschaftlich ruiniert. Im Namen des Volkes. Aber statt diese wie organisierte Kriminelle zu behandeln, …”
“Moment. Vorsicht!”
“Doch. Die haben ihre Bevölkerung über deren Parteien gnadenlos geschadet. Aber passiert ist denen nichts.

Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Straftaten zu begehen, oder wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, für sie um Mitglieder oder Unterstützer wirbt oder sie unterstützt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das steht im §129 Stgb eindeutig geschrieben.”
“Außer wenn die Vereinigung eine politische Partei ist, die das Bundesverfassungsgericht nicht für verfassungswidrig erklärt hat. Und die Parteien und deren Politiker, die Berlin ruiniert haben, gehören nun mal Parteien an, die nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen.”
“Dann muss §129a greifen! Wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt, wenn eine derer Taten bestimmt ist, die Bevölkerung auf erhebliche Weise einzuschüchtern …”
“Na, na, na! Sie wissen, was Sie da sagen? Dieser Paragraph bezieht sich auf den Terrorismus.”
“Hm.”

Der Klügere kippt nach.
Ich schweige und trinke aus meinem Kölsch.
Hinter uns hat jemand plötzlich ganz lange Ohren bekommen. Ein freiberuflicher Verfassungsschützer? Ein so genanntes Verfassungskondom?
Als ich ihn anblicke, schaut er voll konzentriert harmlos in sein Weißbierglas. Es könnte auch ein deutscher Hobby-Geschmackskontrolleur sein, der sich gleich in unser Gespräch mit seiner ihm eigenen Kompetenz einmischt.
Mein Nachbar dagegen lässt sich ein neues Kölsch bringen. Wie eine zufriedene Katze schnurrt er seine Kölschstange an.
Luft holend riskieren ich noch einen verfassungsfeindlichen Satz:

“Die Politiker benehmen sich trotzdem wie die Heuschrecken.”
“Sind Sie politisch tätig?”
“Ich war es mal.”
“Es ist ein leichtes immer auf Politiker zu schimpfen. Die taugen ja hervorragend als Ohrfeigen-Gesichter für die eigene Untätigkeit, nicht wahr?”
“Ich hatte letztes Jahr keine 40.000 Euro wie der Uhl, um Sexparties zu organisieren. Mir pudert auch niemand Bodyguards, Sperrzäune und tolle Abendessen in den Arsch wie letztens an der Ostsee. Geben Sie mir 40.000 Euros und ich werde auch politisch aktiv.”
“Höre ich da den Neid eines Besitzlosen heraus?”

Ich zog meine Augenbrauen tiefer, verdichtete meine Augen zu einem Schlitz und beobachte die Umgebung genau. Nein, ich beherrsche es noch immer noch nicht. Aus meine Augen kommen noch keine tödlichen Blitze.

“Für so was kriegt der nicht meine mühsam gezahlten Steuergelder!”
“Aber als Ausgleich dürfen Sie doch dafür wählten.”
“Hm. Bei der Wahl? Die Umfragewerte für die Parteien zeigen, was von denen gehalten wird.”
“Kennen Sie die beliebteste Antwort der Politiker darauf?”
“Worauf?”
“Auf das Schlagwort ’schlechte Umfragewerte’.”
“Keine Ahnung.”
“Falsch. Die Antwort wäre gewesen: ‘Wir wollen mit unserer Überzeugung nicht Umfragen, sondern Wahlen gewinnen.’ Und wer hat’s gesagt?”
“Der Westerwelle, als er mit seiner FDP die 18% im Bundestag erringen wollte?”
“Nein. Das ist der Standardsatz jeder Partei.”

Während ich mir gerade überlegte, wo der Westerwelle damals seine 18-Prozent-Kampagne begann. War es im Big-Brother-Container? Ich bin gespannt, wann es zum ersten Mal zur Revolte im Container kommen wird. Aber da müssten wir noch lange warten, bis die sich in ihrem freiwilligen Knast ihres freien Willen bewusst werden.
Mein Gesprächspartner nahm er einen Schluck aus seinem Glas und fuhr fort:

“In Umfragen wurde letztens herausgefunden, dass die Wähler mit der Art und Weise der Demokratie unzufrieden sind. Die Leute wählen dann entweder radikal oder gar nicht. Was den Politikern aber egal ist, denn differenziert zu denken, war ja noch nie deren Stärke.”
“Wieso? Wer nicht wählt, wählt die Radikalen.”
“Auch so ein Standardsatz der Politiker, der gebetsmühlenartig von denen herunter gebetet wird. Beweis durch mehrfache Beteuerung. Kaugummi für’s Großhirn. Demnach ist also jeder Nicht-Wähler im Grunde ein Wähler der Extremisten. Wer sowohl nicht wählt, als auch extremistisch wählt, der wählt staatsfeindlich. Der hat in den Augen der Politiker seine Recht auf freie und unabhängige Wahl missbraucht? Derjenige, der nicht wählt, ist dann fast genau so extremistisch wie der Extremist an sich, der verboten gehört.”

Ich lache und versuche zu ironisieren:

“Außer er ist Rechtsextremist oder Rechtsradikal. Die sind nicht wirklich demokratiefeindlich. Sind ja auch nicht verboten. Und was nicht verboten ist, ist erlaubt.”
“Eben. Denn der Rechtsradikale ist von seiner Haltung ja im Grunde staatsbejahend. Im Gegensatz zu den Linksradikalen. Der Rechtsradikale bejaht ja im Grunde die Einhaltung von Gesetzen, insbesondere wenn er sie selber geschrieben hat.”
“Sozusagen sind also diejenigen, die das ihnen zugedachte Wahlrecht verweigern, Sympathisanten von Terroristen? Dann greift ja §129a und wir hätten schon bald volle Gefängnisse.”
“Und Orwellsche Zustände. Denn zur Erfüllung der Orwell’schen Horrorvision benötigen wir nur noch Geschmackskontrolleure, die Verfehlungen aufnehmen und der breiten Masse zugänglich machen. Und das erledigen momentan die Medien. Einmal fremd gegangen und ein Kind gezeugt? Sexparties organisiert und dabei keinen hoch gekriegt? Nackt am Strand von Mallorca rumgelegen? Einen Pornodarsteller als neuen Freund? Die Journaille war dabei und hat es auf Seite 1 gebracht.”

Ich starre dumpf brütend vor mir hin. Die Kneipe hat sich geleert. Das Salsa-Gedudel macht gerade dem südamerikanischen Schieber-Blues Platz. Der Merengue.
Mein Gesprächspartner winkte den Wirt herbei und gab ihm sein leeres Kölsch-Glas zurück. Dann schauter er mich von der Seite an:

“Sie sind also auch politikverdrossen?”
“Ich bin Privatier. Ich brauche über meine Politik-Laune keine Rechenschaft abgeben.”
“Sie sind politikverdrossen?”
“Sie meinen, ob ich denen angehöre, die lieber deren eigene Politik in deren Umkreis machen, statt diese überregional mit anderen zu teilen? Ja.”
“Als ich im Rechtstag war, sagte mir mal ein Regierungspolitiker, alles was wir so machen sei politisch. Politik bezeichne ganz allgemein ein vorausberechnendes, innerhalb der Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten, so war sein Credo.”
“Wie das bei den Cliquen um die Gangsta-Rapper? Das was Sie letztens ansprachen? So Bushido, Sido und Co KG?”
“Die machen auch Politik. Aber die machen das nicht im Rahmen einer Parteienwirtschaft. Sie interessieren sich nicht dafür. Die sind Parteien- und Politikerverdrossen. Aber Politikverdrossenheit sehe ich bei denen nicht, denn deren Ansichten entsprechen auch einer Politik. Nur außerhalb des Rahmens mancher Gesetze und außerhalb unserer parlamentarischen Demokratie.”
“Parlamentarischen Demokratie? Also waren die Demonstranten in Heiligendamm nicht staatskonform? Also ein Übel? Daher wurden auch die offensichtlich friedlichen Demonstranten also geprügelt. Denn schließlich müssen die sich ja vorwerfen lassen, dass, falls sie in Parteien eintreten würden, massiv an den Entscheidungen mit hätten wirken können.”

Er schüttelt lächelnd den Kopf.

“Wer friedlich ist, der ist eh nie staatskonform. Auch nicht in einer parlamentarischen Demokratie. Pazifismus taugt weder als Staatsform noch findet es nirgendwo auf dieser Welt sonst eine Erfüllung in einer Staatsform.”
“Unsere Zeit ist eine Zeit der Erfüllung, und Erfüllungen sind immer Enttäuschungen.”
“Schön gesagt. Kommt das von Ihnen?”
“Das war nicht von mir. Das hat Robert Musil Anfang des letzten Jahrhunderts gesagt.”
“Sie werden jetzt philosophisch.”
“Ich hab noch so ne dummdreiste Phrase auf Lager. ‘Wenn Wahlen was ändern würden, …’”
“‘… dann wären sie verboten.’ Ich weiß.”

Wir schweigen vor uns hin. Das leise Wimmern einer südamerikanischen Salsa-Musik umgibt uns. Der Wirt stellt die ersten Stühle hoch, macht das Licht an. Ich hole meine Geldbörse raus und werfe ihm nen Zwanziger auf den Tresen.

“Stimmt so.”

Ich wanke raus und als sich die Tür hinter mir gerade schließen will, höre ich gerade noch den Wirt leise angestrengt stöhnen:

“Boah ey. Endlich ist er weg, der mit seinen ewigen nervigen Selbstgesprächen …”

Dienstag, 12 Juni, 2007

Rien ne plus, wa’ … oder: Bring mich zum Rasen …

Gespeichert unter: Kneipengespräch — Careca @ 22:25

Mein 1. Beitrag zum politischen Blog-Karneval
(Link)

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“Ich hab sie ja alle so satt.”
“Hm? Stimmt, das ist kein schönes Spiel.”

Im Fernsehen über unseren Köpfen läuft Brasilien gegen Türkei.
Die Übertragung aus Dortmund.
Aus der Konserve des Wirtes.
Ein Freundschaftsspiel.
Die türkische Mannschaft hat ganz klar Heimrecht. Und die paar brasilianischen Fans sind die aufregenden Farbtupfer in der Signal-Iduna-Arena in Dortmund.
Signal-Iduna-Arena.
Nix “Kampfbahn Rothe Erde”.
Ein Freundschaftsspiel in Dortmund.
Bislang aber eher ein Krampfspiel.

Ob in Dortmund oder auf Schalke.
Es wäre kein Unterschied gewesen, hätten die beiden Mannschaften in Wanne-Eickel oder in “Herne 3″ bis 8 gespielt.
Selbst in Bottrop wäre es nicht das Gold vom Ruhrpott einer bundesligafreien Zeit geworden.

“Ich mein nicht das Fußballspiel.”

Er sitzt wie üblich brummelnd vor seinem Glas Kölsch und dreht es routiniert. Wie üblich mit zwei Fingern in bedächtiger Schieflage vor sich auf dem Tresen.

“Ich mein’ das ganze neue Selbstverständnis der Jugend.”
“Welche Jugend?”
“Richtig. Welche Jugend schon. Die 13-jährigen spielen sich schon wie 25 Jährige mit Anspruch auf Altersteilzeit ab 63 auf.”

Mir gefällt sein Ton nicht. Und zudem schaut er mich auch noch aus trüben Augen an.

“Ich versteh nicht.”
“Schon mal die Mädels gesehen? Die sehen doch aus wie das totale Gegenteil einer Alice Schwarzer. Haben knallharte Ansprüche an Gleichwertigkeit der Frau zum Mann und pflegen das Frauenbild der 50er Jahre. Sie verstehen?”
“Hm.”
“So mit schlechtem Gewissen, dass dann keusch und jungfräulich neben der Frau steht und sie fragt, ob den auch ihr eigenes Becken wirklich sauber sei.”
“Gleichwertigkeit? Sie meinten vorhin wohl Gleichberechtigung, oder?”
“Ach Quatsch Gleichberechtigung. Nein, Gleichwertigkeit zum Manne! Daher sind sie auch alle so gleichförmig aufgebrezelt wie ein Opel Manta vor der TÜV-Abnahme.”

Ich schaue abwechselnd in mein “Pisco Sour” und auf den Fernseher. Eigentlich wollte ich Fußball sehen und nicht großartig labern.

“Don’t cha wish your girlfriend was hot like me?”
“Wie bitte?”
“Kennen Sie etwa die Pussy Cat Dolls nicht? Die Mädels im Spagat zwischen Babypuder und Kamasutra-Übungen?”
“Kamasutra- was? Natürlich kenn’ ich die.”
“Wissen sie, da haben mehrere Generationen von Frauen dafür gekämpft, nicht als reines Sexobjekt betrachtet zu werden und jetzt ist ein Refrain der Slogan einer ganzen Mädelsgeneration geworden. Von 12 bis 32. ‘Don’t cha wish your girlfriend was hot like me?’ Ein Protest der Generation ‘Bauchnabelfreie Sexbomben’ unter ihresgleichen. Letztens hatten die Pussy Cat Dolls ein neues Group-Mitglied gecastet. Es kamen zig Kopien der Girl-Group zum Casting. Eine sah aus wie die andere …”

Ich kippe meinen Pisco Sour runter.
Fußball wollte ich sehen. Und nicht in Griesgramigkeit versinken.
Die Türkei ist dabei, das Team der Brasilianer zu versenken.
Der Wirt fragt lapidar, ob ich einen weiteren Pisco Sour wünsche.
Ich nicke und starte bei meinem Nachbarn den plumpen Versuch eines Themenwechsels.

“Wussten Sie, dass das brasilianische Nationalteam keine Fußballspiele mehr im eigenen Land austrägt? Die spielen sogar in Göteborg gegen Chile. Die haben keinen Bock mehr vor einheimischen Publikum zu spielen. Die fühlen sich dort nicht mehr wohl.”

Er steigt nicht drauf ein.
Er nimmt den letzten Schluck aus seinem Kölschglas und reckt zwei Finger hoch. Der Wirt stellt ihm sofort zwei neue Stangen hin. Eine davon schiebt mir mein Nachbar ungefragt rüber.

“Trink mal was vernünftiges. Nicht diese chilenische Plörre.”

Er stößt mit seiner Stange an meiner an.

“Prost, Jung.”

Ich ergreife das Glas und nehme einen Schluck.
Der angenehme süß-saure Geschmack vom Pisco Sour vermischt sich mit dem herberen Kölsch. Bereuend stelle ich das Glas ab. Im Mund herrscht Geschmackschaos.

“Haste mal ‘Massiv’ gehört? Nannte sich früher ‘Pittbull’. Der würde neulich in Duisburg auf der Bühne von zwei anderen aus dem Publikum mit einem Schlagring niedergeschlagen. Live on stage. Freunde und Massiv selber sind dann hinterher und haben die beiden dann dafür erbarmungslos zusammen geschlagen. Es gibt Videos, wo der eine am Boden liegt und der andere auf den Wehrlosen eintritt.”

Ich hörte davon. Aber das interessiert mich nicht so sehr wie das Geschehniss auf der Glotze. Hamit Altintop zieht aus 20 Metern ab und trifft nur die Querlatte.
Glück für Brasilien.

“Gangsta-Rapper sind das Vorbild der sogenannten unpolitischen Jugend. Sprachlich und handwerklich. Wer gegen Gansta-Rapper-Regeln verstößt, kriegt eine aufs Maul. Verbal oder aktiv. Zack. So einfach ist deren Gerechtigkeit. Ohne Polizei und Staatsanwalt.”

Ich kippe das Kölsch runter.
Das Spiel ist langweilig und das Gewäsch meines Nachbarn geht mir auf den Zeiger.

“Die Rituale der Erniedrigung sind cool für die Jungs. Wie bei den Mädels. Je tiefer der andere, desto höher steht man selber. Am höchsten steht man schließlich unwiderlegbar am Grab des anderen.”

Ich erwidere nichts und starre auf meinen Pisco Sour. Ob ich mit einem neuen Schluck die Geschmacksrandale in meinem Mund berühigen werden kann?
Er hat gerade einen tiefen Schluck aus seinem Kölschglas genommen. Schaum rennt vom Glasrand auf den Rest seines Bieres.

“Und wissen Sie was mich am meisten stört?”
“Die Leere in Ihrem Kölsch-Glas?”
“Ach, hören Sie doch mal auf rum zu kalauern! Es stört mich, dass Politiker in Heiligendamm dafür gesorgt hatten, dass Demonstranten gegen eine ungerechte Globalisierung durch eine Minderheit in Misskredit gebracht wurden. Wie damals in 2001 auf dem G8-Gipfel in Genua, wo die Politik und Polizei aktiv die radikalen Autonomen zu deren Zerstörungsspielchen unterstützt hatten. Wo eine Schule friedlicher, abreisebereiter Demonstranten blutig niedergeknüppelt wurde. Und wo dann die noch Unverletzten in einer Polizeischule dazu gezungen wurden, faschistische Lieder zu singen. Taten die es nicht, wurden die brutal von Polizisten erneut niedergeschlagen. Und sie wurden niedergeschlagen. Als der junge Mann in Genua von einem Polizisten erschossen wurde, da knallten bei Polizisten und Politikern die Sektkorken. Da hat der italienische Berlusconi-Staat aller Welt gezeigt, wie er sein Volk haben wollte. Lammfromm und schweigend. Und der Weltöffentlichkeit wurde vorgegaukelt, Globalisierungsgegner seien Verbrecher, die sich Polizeiknüppel zu recht verdient hätten. Nach dieser Zeit sprach man dann von Politikverdrossenheit bei den Jugendlichen. Warum sollten die auch nicht verdrossen sein?”

Er holt Luft. Kein Wunder nach dieser langen Predigt.
Ich stochere nach meiner Jacke unterm Tresen. Das mörderisch langweilige Spiel wird gleich zu Ende sein und ich werde dann gehen. Hier hält mich nichts.

“In Heiligendamm scheint die Polizei offensichtlich auch bei den Autonomen gezielt mitgespielt zu haben, damit nachher jeder von ‘Chaoten’ und ‘Globalisierungsgegener’ in einem Atemzug rede. Das hat voll funktioniert. Wer friedlich mit der Mehrheit der Zehntausend demonstriert hatte, fühlt sich jetzt von der Politik kriminalisiert.”

Die türkischen Fans feiern dem Schlusspfiff entgegen. Die Brasilianer dagegen werden das Spiel wohl gleich vergessen wollen.

“Wie damals die Sitzblockierer der 80er Jahre. Die wurden wegen ihrer friedlichen Sitzblokaden als ‘Gewalttätige” geschimpft. Danach haben sich die meisten enttäuscht von der Politik abgewandt. Dann hieß es von denen, die vorher die vielen Friedlichen als ‘gewalttätig’ beleidigten, sie seien ‘politikverdrossen’. Gleiches wird man in einem Jahr von den Demonstranten in Heiligendamm sagen.”

Der Scheidrichter pfeifft die Partie ab und mit ihm viele brasilianische Zuschauer. Einstimmige Meinung der Nicht-Türkei-Fans mit dem Schiedrichter.
Die Partie gehörte schon längst abgepfiffen.
Oder per Fehlentscheidung einen Elfmeter für die Türken.
Ich nehme mir den Rest “Pisco Sour” zügig zur Brust.

“Für die Politiker gibt es offenbar nur eine Art wahre Demonstranten. Und die liefen vor einem Jahr hier in Deutschland bei den public viewing areas herum und unterstützten lautstark selbst langweilige und uninteressante Spiele. …”

Dieser politische Monolog meines Nachbarn nervt mich nun endgültig ab. Ich kam her, um ein Fußballspiel der Brasilianer zu sehen und nicht um über Politik zu labern.
Stattdessen spielten die Brasilianer langweiliges, uninteressantes Rasenschach und mein Nachbar nutzte mich als seelische Müllhalde seiner eigenen politischen Verdrossenheit.

“… und wissen Sie was? Ein Gericht hat diese Sitzblokierer der 80er Jahre vom Vorwurf der ‘Gewalttätigkeit’ höchstrichterlich freigesprochen. Nach den Vorfällen in Genua ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Dutzende von Polizeibeamten und Politikern. Nach Heiligendamm wurde zugegeben, dass polizeilicherseits Beamte möglicherweise als agent provocateure in den gewaltbereiten ’schwarzen Block’ geschleust wurden. Sogar der gesetzeswidrige Einsatz der Bundeswehr im Innern fand mittels zweier Tornado-Aufklärer über Heiligendamm statt. Man will uns politisch erst weichkochen und dann zu Ja-Sagern machen. Und unsere Regierungspolitiker, …”

Dem Wirt lege ich eilig 15 Euro auf den Tresen.

“Stimmt so.”

Ich ergreife meine Jacke und haste fluchtartig zur Tür der Kneipe. Es reicht mit dessen elendem pseudopolitischem Genöle.

“… die schweigen nun dazu wie großmäulige Schuljungen, welche beim Spicken in der Schule ertappt wurden und nun aus Schreck darüber erst einmal verstummen. Bevor sie dann aber wieder lautstark Verschärfungen diverser Sicherheitsgesetze verlangen werden.”

Ich habe das im Nachtregen glänzende Pflaster der Straße erreicht. Die Tür der Kneipe schließt sich quietschend hinter mir.
Und wie ein Echo hallen noch die letzten Worte der Kneipenlabertasche über die menschenleere Fußgängerzone:

“Und ich garantiere Ihnen, in einem Jahr redet man wie damals in Italien wieder von Politikverdrossenheit der Jugend! …”

Die Stimme verhallt.
Hoffentlich spielt Brasilien beim Copa America wieder besser, geht es mir noch durch den Kopf.
Meine Schritte auf feuchtem Pflastersteinen sind das einzige, was ich jetzt noch höre.
Endlich wieder Stille …

Donnerstag, 7 Juni, 2007

Der Vergleich Mensch-Maschine … ein Gesprächsfetzen

Gespeichert unter: Kneipengespräch, Notizen an das Leben — Careca @ 12:04

'Marnaz Frankreich' von Careca

[...]


“Wissen Sie, vor zwei Jahren bin ich mal zum L’Alpe d’Huez gefahren. Ich wollte unbedingt mal ausprobieren, wie lange ich für die 15 Kilometer lange, brutale Steigung über 1200 Höhenmetern benötigen würde. Ich habe mitgestoppt, nach einer Stunde und 46 Minuten war ich oben. Meine Frau ist besser trainiert als ich und war eine viertel Stunde schneller. Und dann wollt ich es wissen. Ich bin mit meinem BMW, den X5, hoch. So schnell ich konnte. Es war kein Verkehr. Nach 20 Minuten war ich oben. Der schnellste Tour de France-Fahrer hatte die gleiche Strecke in etwas mehr als 36 Minuten geschafft. Da ist doch klar, dass die Fahrer da gedopt sind.”

“Hm. 20 Minuten? Ich würde eher sagen, Sie waren wohl eher beim Kauf zu geizig für ‘nen stärkeren Motor in ihrem X5, oder?”

[...]

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