Eigentlich wollte ich schon seit einer Stunde in der Kantine gewesen sein. Aber die Arbeit.
Mein Kollege Rainer tippte mir letztens leicht erregt auf die Schultern.
“Haste schon gehört? Haste schon gehört?”
Es gibt nicht beruhigenderes als neue Gerüchte
“In der Kantine hat wieder ‘ne Revolution stattgefunden!“
Naja, Rainer. Dein Wort in Gottes Ohr …
“Es gibt wieder neue Desserts!“
Soso. Unser Kantinenkoch lässt das Experiment erneut anlaufen.
Neue Desserts.
In der Tat.
Damals ließ die Speisekarte immer verlauten:
Schwarzer, labbriger Pudding mit gelber Bohne drauf an den ersten zwei Tagen; gelber, zähflüssiger Pudding mit schwarzer Bohne an den darauf folgenden zwei Tagen und zum Wochenausklang rot-grüner Wackelpudding.
Karg und bescheiden.
Einfach und preiswert.
Im Grunde unverfänglich.
Dachte man.
Vor zwei Jahren wollte unser Kantinenkoch noch wegen dieser Liste seine Kochmütze am liebsten in ganz kleine Stücke schneiden, einzeln marinieren und panieren, beidseitig scharf anbraten, mit einer thailändischen, extra scharfen Soße abschmecken, als Beilage Reis oder Nudeln, und es uns als “Kutau a la Harakiri - leicht süß-sauer” servieren.
Wir hatten Glück.
Sicherlich wäre zum Leidwesen der Firma die Anzahl der Magenerkrankungen schlagartig wieder gestiegen.
Dabei hatte die Firma gerade die erfolgreiche Bekämpfung dieser besonderen Erkrankung noch vor zweieinhalb Jahren im Betriebsblatt stolz als ein “Beweis für die gemeinsamen, erfolgreichen Bemühungen im Betrieb um eine stetig verbesserte Gesundheitsfürsorgequalität des arbeitsklimatischen Personalumfeldes” für sich deklariert.
Als Kollegin Ariane in der Kantine lapidar dazu bemerkte, dass das wohl ein verdammt langer Wortschwall für das einfache Wort “Mobbing-Bekämpfung” sei, tönte es von einem anderen Tisch, sie solle ruhig sein oder man werde mal wieder ihre Lippenstifte und Kajalstifte verfärben.
Der eigentliche Grund jedoch, warum die Anzahl der Magenkranken zurückging, war die Entlassung von unserem Abteilungsleiter und Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Rudolf Rösner. Er führte unsere Abteilung derart straff, dass unser Betriebsarzt binnen kurzer Zeit Experte in Sachen “Magenerkrankungen” wurde.
Zuerst machte sich eine Arbeitskommision über dieses Phänomen her. Nach einer ausgiebigen Beratung zwischen Kaffee, Saft, belegten Brötchen, Gürkchen, Akten und diversen Hochglanzbroschüren kam die Kommission zum Schluss, dass aufgrund der Tatsache die Deutschen Kaffeetrinker Nr. 1 seien, die Ursache auf der Hand läge. Ab sofort dürfte in unserer Abteilung nur noch entcoffeinierter, von jeglichen Reizstoffen befreiter Kaffee getrunken werden.
Gott sei Dank, Geschmacksstoffe waren für unseren Kaffee noch erlaubt.
Ein Kaffee-Experte aus Bremen wurde extra für unsere Abteilung eingeladen. Dieser referierte in einem anderthalb stündigem, monotonalen Vortrag über den richtigen Gebrauch von Kaffee und Kaffeeprodukten im allgemeinen und Schon-Kaffee im speziellen.
Quasi als Belohnung erhielt jeder von uns - nebenbei erwähnt - nach der Unterschrift in der Teilnehmerliste ein Probepackung “Türkischer Mokka” eines Bremer Markenrösters zuzüglich eines Werbeprospekts, in dem für eine neuartige Espresso-Maschine geworben wurde.
Alles im Dienste der Förderung der Betriebsgesundheit und der Reduktion von Magengeschwüren.
In der Folgezeit übernahm Herr Dr. Rösner die Kontrolle über unseren Kaffeekonsum. Diese außerordentlich bedeutsame Verantwortung wollte er uns selber nicht überlassen.
Immer wieder tauchte er unvermittelt in Büros oder Besprechungen auf, ging schnurstracks zur Kaffeemaschine, goß sich eine Tasse Kaffee ein und verschwand wieder.
Das ganze jedoch sah oft nach unverhülltem Nassauertum par excellence aus: Coffee for nothing.
Eine Mitarbeiterin äußerte mir gegenüber einmal einen furchtbaren Verdacht: Als sie letztens von der Toilette zurück kam, begegnete sie Herrn Dr. Rösner auf den Gang und bemerkte einen Hauch von rötlichen Farbspuren auf dessen Lippen. Zurück an ihrem Arbeitsplatz stellte sie eine leichte Unordnung auf ihrem Schreibtisch fest. Und dann entdeckte sie, dass ihr Lippenstift an ihrer Kaffeetasche verschmiert gewesen sei.
Ihre Vermutung war nbun, dass Herr Dr. Rösner ihre Abwesenheit zum Kaffeecheck ausgenutzt hätte, die Kaffeekanne jedoch leer fand. Und da sie am nächsten der Kaffeemaschine saß, habe er die Gelegenheit genutzt und einfach aus ihrer Kaffeetasse sich den Schluck Kaffee besorgt.
Ob sie sich geirrt habe, meinte sie noch zu mir mit einem maliziösen Lächeln, würde sie ja bald in Gewißheit gebracht haben.
Diese bekam sie drei Tage später in Form einer mündlichen Abmahnung von Herrn Dr. Rösner: Er habe bei seinem Kaffeecheck im Rahmen der Förderung der Gesundheit im betrieb feststellen müssen, dass jene Kollegin Salz in ihrem Kaffee verwende. Und solche gesundheitsgefährdenden Praktiken können nicht unbeachtet bleiben. Insbesondere da jene Kollegin ebenfalls abgezeichnet hätte, dass sie auf dem Kaffee-Seminar mit jenem Kaffee-Experten aus Bremen gewesen war, sei sowas als vorsätzlich zu werten.
Zwei Wochen war auch jene Kollegin magenkrank: sie musste wohl zuviel Akten von Herrn Dr. Rösner fressen.
Nun die Anzahl der Magenkranken nahm schlagartig ab, nachdem Herr Dr. Rösner fristlos gekündigt wurde. Eine Zeitung hatte in Erfahrung gebracht, dass Herr Dr. Rösner die Frau des damalig aktuellen Steuerprüfers unserer Firma wohl intimer kannte, als er hätte dürfen. Herr Dr. Rösner hatte mit Hilfe der Frau wohl die Prüfakten nachgeprüft.
Dr. Rösner ging, Dr. Julius Dieckmann kam und mit ihm war die “Betrieskrankheit Magenerkrankung” ad acta gelegt.
Nun ja.
Bis vor zwei Jahren.
1996
Sechs Wochen vor der Landtagswahl in NRW.
Vor der Dessertausgabe hatte sich am Montag mittag eine Schlange gebildet.
Fehlendes Dessert.
Die Schlange dümpelte eine halbe Minute in dumpfen Gemurmel und ungeduldig scharrenden Hufen vor sich hin, als sich eine Türe öffnete und ein Dessert Stapelwagen herein gerollt wurde.
Das anfängliche, erleichterte “Hallo” mündete in einem heiteren “Leute, es ist Wochenend!“, als das Dessert als rot-grüner Wackelpudding identifiziert war.
Doch irgendwie musste dann jemand ganz böse gegiftet haben, dass jetzt schon die Firma anfinge, für eine mögliche rot-grüne Koalition in Düsseldorf zu werden, und dass das eine absolute Unverschämtheit sei. Er wolle keinen wässrigen rot-grünen Wackelpudding, er wolle seinen schwarzen Pudding haben.
Still soll’s geworden sein. Alle Gespräche sollen plötzlich nur noch geflüstert worden sein.
Bur einer merkte halblaut an, dass ihm rot-grün lieber schmecken würde als jener schwarzer labbriger Pudding-Derivat der CDU.
Später muss dann wohl der Kantinenkoch vor dem Betriebsrat zitiert worden sein, denn um halb vier sahen wir unseren “Maitrê de Cuisine” mit hochrotem Kopf durch unseren Betrieb wütend fluchend Richtung Kantine stapfen.
Am nächsten Tag erahnte wohl kaum einer, was wirklich geschehen war. Die Liste war passé. Als Desser gab es einfach nur Dickmilch in Schalen.
Auf einem Extra-Wägelchen standen fünf Alufolie umwickelte Ketchup-Flaschen, auf denen jeweils die Worte “SCHWARZ“, “BLAU“, “GELB“, “ROT” und “GRÜN” zu lesen stand. Insbesondere die Flaschen “BLAU” und “GELB” waren zusätzlich noch mit Panzerband verklebt. Und direkt an dem Wägelchen klebte ein Zettel mit der Aufschrift:
“Bitte frei und unabhängig Sauce wählen und mixen“.
Am ersten Tag wurde noch gewitzelt, die Saucen unberührt gelassen, aber die Qualität der Dickmilch unter allen Gesichtspunkten analysiert.
Am zweiten Tag aber liefen schon die ersten mit parteiisch stolz geschwellter Brust und besaucter Dickmilch durch die Kantine.
Am dritten Tag der neuen Desserts kippte die “Lieber-nicht“-Meinung und der vierte Tag war wohl der politischte bezüglich der Offenlegung der eigenen politischen Ansicht. Nur ich hatte mich bislang immer jeglicher Sauce enthalten.
Am fünften Tag war ich einer der ersten in der Kantine und gnadenlos spürte ich die Augen hinter mir: dutzende von Paaren auf mich gerichtet, misstrauisch, die nur darauf lauerten.
“Na? Gibt er sich jetzt endlich preis als Efdepele? Oder steht er auf Schwarze, die Sau?!“
Als ich dann mit meiner weiterhin jungfräulichen Dickmilch Richtung Kassiererin abwanderte, verfolgte mich schon die Wucht ihrer Gedanken:
“Habt ihr’s gesehen?! Dieser Rotzknilch hat weiß gewählt. Dieser Nicht-Wähler! Protest-Wähler, elender! Wetten, insgeheim ist der ‘ne Sozi-Sau! Hah! Denkt wohl, wir merken nichts! Hätt’ wohl lieber Vogelfutter zur Dickmilch, dieses grüne Weichei!“
Am Tisch herrschte eine eigenwillige Stimmung. Die Desserts wurden demonstrativ bis zum Essensende nicht angerührt (oder umgerührt) und nachher wie gleichgültig weggelöffelt.
Geredet hat niemand über die Saucenwahl des anderen.
Kein Wort.
Auch nicht über die Art oder Chemie der Saucen. Die Chemie schien zu stimmen. So oder so. Selbst das Thema “Essen” wurde eher überhaupt versucht krampfhaft zu meiden.
Nur die Blicke redeten. Und richtig beredend wurden sie, wenn sie zuerst meine Dickmilch und dann mich prüfend unter die Lupe nahmen.
Am sechsten Tag des Experiments war dann alles wieder vorbei. Die Firma hatte von da an Obst als Dessert angeordnet.
Es gab alles Sorten Obst: orangen, Aprikosen, Kiwis, Bananen, Feigen, Kirschen, Erdbeeren, Zwetschgen, Stachelbeeren, Äpfel.
Aber keine Birnen
Birnen nie.
Bis zur Wahl.
Danach gab es wieder unser altgewohnte Dessert-Liste.
Im Karneval traf ich unseren “Metrê de Cuisine” und in seiner Weinseeligkeit offenbarte er mir seine damalige, tiefschwarze Idee mit der Kochmütze und dann verriet er mir ganz stolz, dass die Wahl der Dessert-Saucen damals genau dem Wahlausgang in NRW entsprachen.
Er schwörte es mir.
Und dann vertraute er mir es an. Er würde das alles vor der Bundestagswahl 1998 wiederholen und mit seinen Erlebnissen würde er dann zu den Buchmachern gehen.
Vorher.
Und nachher: “Hasta la vista, chefe!“
Ich fragte ihn, wie er denn die PDS berücksichtigen wolle, die möglicherweise nur über Direktmandate ins Parlament kommen könne. Er schaute mich durch seinen rubinrot-leuchtenden Burgunder an und grinste. Er würde die Aktion ganz spontan beginnen und jeder, der vorm Dessertwagen bei der Wahl ohnmächtig vor Wut würde, der sei für ihn ein Direktmandar
Das letzte, was ich aus ihn noch rausbringen konnte, war das geplante Dessert für rechtsradikale Gesinnungen: Für jene hätte er sein ganz spezielles hausgemachtes Dessert. Diejenigen müssen dann nur etwas Geduld haben, bis er denn vom Klo zurück sei … .
Unser Betriebsarzt ist übrigens jetzt Spezialist bei “Hörstürzen”.
Das tragen von Mini-Kopfhörern ist jetzt untersagt. Permanent laute Musik schade nicht nur dem Hörvermögen sondern beeinträchtige auch die Konzentration, sagte die eingesetzte Kommision.
Dr. Dieckmann sah die Schuld für Hörstürze eindeutig in mitgebrachte Radios am Arbeitsplatz.
Herr Dr. Dieckmann hat die Verantwortung zur Kontrolle des Verbots übernommen.
Wir warten inständig auf Herrn Dr. Dieckmanns fetten Fehltritt. Wir sind guter Hoffnung. Herr Dr. Dieckmann darf erstmal seinen Kaffee alleine kochen. Wir geben ihm nichts ab.
“Und noch was …“
Ich drehte mich um.
“Weißt du, was das tollste beim Dessert ist?“
Nein, Rainer, aber du wirst es mir gleich erzählen …
“Es sind schon drei Leute vor Wut ohnmächtig geworden.“
Tja, das reicht leider noch nicht für die PDS. Aber bis zwei Uhr ist noch viel Zeit für zwei weitere Ohnmächtige …
“Tja, Rainer. Ich schätze, ab morgen gibt’s bis Oktober wieder Obst.“
(C) Careca 30.01.1998