Notizen aus der Provinz

Freitag, 28 Dezember, 2007

Es wird viel passieren … im “Marienhof” …. you made my day … (Teil 1)

Gespeichert unter: Notizen an das Leben, Pluster me up — Careca @ 2:44

Eigentlich wollte er immer schon seine Stars vom “Marienhof” persönlich kennen lernen. Ja, diese Seifenoper aus dem ARD hatte es ihm voll angetan. Die Geschichten, die dort erzählt werden, waren und sind profan und noch viel profaner als seine Phantasie.
Warum schaute er sich eigentlich immer dieses Kaugummi fürs Großhirn an?
Wegen den vielen Kölschstangen die “Frank Töppers” sich so wegsteckte?
Oder wegen den unerfüllten eigenen Schulwünschen mit der damaligen Biolehrerin?
Wegen den vielen Zwischenblenden während der eigentlichen Handlung auf die Kölner City?
Er wusste es nicht. Ihm war es eigentlich völlig egal. Zuschauen ist schön, nachdenken überflüssig und hinderlich. Wer bei einer Soap denkt hat verloren.
Sagt der Volksmund.
Einfach so.
Oder etwa nicht?!?
So einfach.

Ein wenig sah er in der Soap “Marienhof” sein Leben oder auch seine Wünsche an sein Leben.
Da war jene Lehrerin. So lasziv. Sie schwärmte für “Matthias” und scharwenzelte um ihn herum, wie eine Motte um das Licht. Aber bekommen hatte sie den Mann nicht. Jenen Mann, dessen Frau neulich so starb, wie der schwule Türke es verkraften konnte. Und der schwule Türke wurde einfach mal von einer Oberstufenschülerin geehelicht, damit er in Deutschland bleiben konnte. Und letztens ehelichte er eine Lehrerin und hatte dadurch auch keinen Höhepunkt. Sondern nur Streß. Und sein soap-kompatibles Coming-out.

Verfolgt hatte unser TV-Glotzer die Serie.
Gnadenlos verfolgt.
Tag für Tag.
Bis zur Vergasung seiner letzten intelligenten Synapsen.
Einfach so.
Weiss eigentlich wer, dass es auf dieser Welt mehr Synapsen als intelligente Lebewesen gibt?
So einfach.

Und da war jene Frau, deren Bluse immer zu knapp war und jene am letzten Knopf hing. Allen Zuschauern fiel es auf. Und alle schauten hin. Sabernd hingeschaut.
Puberty Blues …
Gesprengt hatte die Bluse den Knopf nie. Nicht jeder nutzt für seine voluminöse Brust ein Hemd mit der Größe “S”. Aber man vermutete, dass der Knopf im passenden Augenblick das Objektiv des Kameramanns zerstören könnte. Den Produzenten fiel es irgendwann auch mal auf. Sie haben dann eine Kosten-Nutzen-Rechnung durchgeführt.
Hatte sie vom Marienhof genug? Oder nur deren Gehaltsforderungen zu hoch gedreht …

Jene Frau wanderte aus dem “Marienhof” aus. Gebeutelt vom Schicksal eines langen Todes ihres Mannes und vom Erfolg ihres Reisebüros verließ sie die Serie.
Dabei ist doch deren Mutter - verbandelt mit einem Oberlehrer - ein Urgestein der Serie.

Aber das ist eigentlich im Grunde völlig egal.

Ob sich unser TV-Glotzer ab 18:20 das Gehirn mit Seifenoperngeschichten rausdröhnen ließ oder ob er in jener Zeit ein Buch lesen würde, das war ihm egal.
Einfach so.
Für ihn war es genau die Zeit, sein Gehirn auf Durchzug zu stellen.
So einfach.

Nur einmal war er irritiert, als er an der Münchener U-Bahn-Station “Sendlinger Tor” einer Schauspielerin über dem Weg lief. Sie lächelte ihn an und er war total perplex. Da hatte eine Frau die absichernde Distanz zwischen Flimmerkiste und seiner eigenen Nasenspitze einfach so überwunden und ihn - den Unbekannten, der Nullnummer des Lebens - mit einem “Hallo” gegrüßt.
Einfach so.
So einfach.

Später erfuhr er, dass “Marienhof” keine Fernsehproduktion vom WDR und entsprechend von Köln-Bocklemünd sei, sondern eine Produktion aus den BAVARIA Filmstudios aus München.

Er hielt seine Augen offen, aber nie wieder sah er jemanden vom “Marienhof”.
Ein Fan erzählte ihm, dass er in einem Nachtkaffee den “Matthias” begegnet sei und er sie zu einer Rolle eingeladen hatte. Aber sie hatte die Rolle nie angenommen und unser TV-Glotzer sie nie in der Serie gesehen. Also nahm er an, dass sie ihm wohl nur ein McGuffin aufgebunden hatte.

So lebte er also glücklich mit seiner Fernsehsendung und bewunderte insgeheim manche Schauspieler. Insbesondere den “Töppers”, den kölschen Jungen, der mit seiner kölschen Mundart und Weisheit ein wenig Tiefgang an den dürren Ufern des “Marienhof”-Rheinufers brachte.

Irgendwann hatte “Töppers” einen “Charly Kolbe” eingestellt. Jener “Charlie Kolbe” hatte danach eine Beziehung zu einer Brasilianerin, die ihn dann gen Brasilien verließ. “Paula Poppel” hieß das Mädel aus der “Marienhof-Familie “Poppel”. Sie ging irgendwann gen Brasilien. Unzuverlässige Quellen berichteten, dass die Produktionsgesellschaft der Darstellerin kündigte, weil sie Gehälter auf Basis Brasiliens Seifenopern verlangte …
Einfach so.
Wer kann schon in der Ersten Welt hier das zahlen, was in Schwellenländern und Dritt Welt-Ländern bezahlt wird, wenn es um die Unterhaltung der Masse geht ….
So einfach.

Danach tauchte im “Marienhof”-Internet-Forum jemand auf, der sich nach dem Abschied jener “Paula Poppel” einfach “Kommando Poppel” nannte. Das war intelligent und provokativ. Für unseren vernetzten TV-Glotzer war jener Mensch der Held vom “Marienhof”-Internet-Forum, weil er sich genau so benahm, wie der Rächer der Entrechteten einer sehr guten Rolle …

Später, viel später, für den Zuschauer zur Zeit der WM 2006 kam jene “Paula Poppel” zurück. Er traf sie bei dem WM-Spiel von Brasilien gegen Japan in jener brasilianischen Down-Level-Kneipe in München. Er war perplex und unfähig zu reagieren. Wieder sah er eine Schauspielerin weniger als einen Meter vor sich. Und diesmal lebte die Schauspielerin vor ihm. Sie sprach in ihrer brasilianischen Heimatsprache und er verstand alles und dass sie einfach nur normal war.
Lediglich war unser TV-Glotzer alles andere als ein Schauspieler.
Einfach so.
Er war paralysiert … .
So einfach.

Zurück zu jenem anderen:
Der “Charlie Kobe” aus der Serie “Marienhof” war für ihn nur eine “Immi”-Figur aus Köln. “Charlie” sprach weder kölsch noch war er typisch kölsch. “Charlie” war einfach nur ein Ruhrgebietsjunge mit kölschem Imi-Faktor.
Interessant, arrogant und unbedeutend.

Bis unseren TV-Glotzer jene Frau ansprach. Jene Frau, welche mit dem damaligen Marienhof-Schuldirektor “Matthias” geplaudert hatte. Sie sprach in an, weil unser TV-Glotzer eine Internet- und Telefon-Flat-Line als Vertrag hatte. Der Frau ihre Tochter war in Brasilien und deren Rückflugticket hatte die Tochter fahrlässig verstreichen lassen. Und der Freund jener Tochter hieß Sven.

Nun jene Frau, sie hatte unseren TV-Glotzer angerufen, als er gerade wieder eine Erfrischungswaffel zwischen seine Finger verlaufen ließ. Sie hatte ihn gefragt, ob sie vorbei kommen könne, um telefonisch einiges wegen ihrer Tochter zu klären.

Unser TV-Glotzer war zwar hundemüde und musste am nächsten Tage in der berühmt berüchtigten Herr-Gotts-Früh arbeiten, aber er sagte trotzdem JA, obwohl die Uhr schon 1:00 nachts anzeigte. Und die Frau tauchte auf.
Einfach so.
Und im Schlepptau war jener “Charlie”.
So einfach.

“Charlie Kolbe”.
Verdammt.
Was war vier Flaschen Rotwein zuvor? Oder waren es nur vier Gläser?
Ein Teil “Marienhof” stand vor ihm.
Verdammt.

Was geht ab? Was geht’n Alter? Türlich, türlich.Bass, Bass wir brauchen Bass. Sicher Dicker. Türlich türlich - seid ihr da?

“Charlie Kolbe” himself.
Höchstselbst.
Und wie immer verschlug es ihm die Sprache. Einstweilen. Seine Sprache war halt gefragt. Fürs Telefongespräch zu seinen Beziehungen zur deutschen Botschaft in Rio de Janeiro.
Sicher Dicker.

Und während einer Gesprächspause stöberte “Charlie” in seinem CD-Fundus.
Was geht’n Alter?

Und irgendwann hielt er eine CD in der Hand. Eine CD, die unser TV-Glotzer aufgrund seinem Faible für Erfrischungswaffeln nie wieder mochte.
Ob er sie haben dürfte, wollte “Charlie Kolbe” wissen.
Und “Sicher Dicker” war überrascht. Jene CD gab es doch für knapp 10 Schleifen in jedem Handel, oder für einen Euro bei Ebay. “Sicher Dicker” benötigte sie nicht mehr zu seinem Glück und verschenken bedeutete Platz für eine andere wichtigere CD. Also sagte “Sicher Dicker” einfach “JA”. Wieso auch nicht. Weg ist weg. Einfach so. Und niemand wird sich drum beklagen. So einfach.

Und was sagt “Charlie Kolbe” dazu?

“Danke. You made my day.”

Was war das denn? You made my day? Du hast meinen Tag gemacht?
Der Satz stammt aus dem Film jenes individuellen Steppenwolfs, der in den Schluchten New Yorks mit seiner .44 Magnum für Selbstjustiz sorgte.
Clint Eastwood in dem Film “Dirty Harry”.
Der Wortkarge, der schon für eine Handvoll Dollar in anderen Filmen schon andere weggeballert hatte.

You made my day.

“Charlie Kolbe” schaute auf seine gerade geschenkt erhaltene CD, wie als ob gerade Weihnachten vorbeimarschiert wäre.

You made my day.

Sicher, Dicker, is ´n Party-Track, leg den hier auf, iss deine Party-Weck. Kommt frisch wie für Penner Deo oder frisch wie ‘n Babypups. Das geht raus an alle Crews. Meinem DJ müsst ihr danken, der hat den Scheiß aufgelegt.

Unser TV-Glotzer mit seinem niveaulosen Faible fürs Kaugummi fürs Großhirn schaute sich den “Charlie” genauer an, während er über den Teich telefonierte.
Ein Mittdreissiger, dessen Körper kein Gramm zu viel hatte. Dessen Sportstudio-Erfahrung aus jeder Faser seines Netzhemdes sprach, war trotz seiner kleinen Größe eine Sexy-Persönlichkeit.
Verdammt.
Unser TV-Glotzer wusste schon sehr genau, warum er so gerne weite Pullover trug. Weite Kleidung verbarg das, was ihn von jenem “Charlie Kolbe” mit dessen markant energischen Kinn unterschied.

You made my day.

“Charlie Kolbe” verließ unseren hirnlosen “Marienhof”-Fan von ausgelaufenem Erfrischungswaffeln. Er hatte Erfolg. Er stieg in seinen Golf-Cabrio von SIXT, den er über das ARD angemietet hatte und fuhr zu seiner Penthouse-Wohnung zurück.

Nur unser bester Freund, unser TV-Glotzer, schaute träumend dem Cabrio hinterher. Vor der Flimmerkiste hoffte er seiner Begegnung auf dem Farb-TV wieder zu sehen.

Es wird noch viel passieren in der Woche ab 18:20 Uhr …

Und insbesondere dazwischen.
Es gibt viel zu erzählen zwischen Salzgebäck und Bier, zwischen Erfrischungswaffeln und Drehbuchschreibern und deren Schauspielern,
S v e n T h i e m e r m a n n alias “Charlie Kolbe” und eine Beziehung, die das Leben jenes Erfrischungswaffeln-lutschenden TV-Glotzers ordentlich in Unordnung gebracht hat, in einer Geschichte, in der er allerdings nicht die Hauptrolle spielt, aber in der er als etablierter Soap-Darsteller dazu das Drehbuch öffentlich-rechtlich mitschrieb … .

You made my day.
Einfach so.
You put your fingers in his life, He’s doing the same, Mister.
So einfach.

Ein Leben als Vorlage für eine Soap. 1:1 abgefilmt …

Muss jener TV-Glotzer mir eigentliche alles erzählen?
Einfach so?

Schaun mer mal, wann “Teil 2″ kommt …
So einfach, “Charlie” …

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