1815 gab Napoleon seine letzte große Vorstellung.
Es war bei Waterloo. Sein Kontrahent im gegnerischen Generalstabszelt, der englische Feldherr Wellington sah schon einer verlorenen Schlacht entgegen und sprach am Abend den seither sprichwörtlichen Satz:
Ich wünschte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen …
Und die Preußen kamen.
Blücher, selbst verletzt und so alt wie Donald Rumpsfeld heute, trieb von der Sänfte aus dirigierend sein Heer in Gewaltmärschen gen Schlachtfeld. Napoleon kriegte dann eins auf seine Mütze, dessen Soldaten den Tod und Wellington und Blücher besoffen sich angesichts des blutigen Sieges vor ihnen auf dem Schlachtfeld. England und Deutschland hatten gemeinsam Frankreich vom Siegerpodest geschubst.
Und ganz Deutschland war wieder glücklich.
Ganz Deutschland?
Nein! Ein kleines von unbeugsamen Bayern bevölkerter Landstrich hörte nicht auf, den deutschen Eindringlingen Widerstand zu leisten. Die fröhlichen und rauflustigen Bayern fürchten sich eigentlich nur vor einem, dass ihnen der himmlische Alois Hingerl, Nr. 172, Dienstmann in München, auf den Kopf fallen würde. Aber zu ihrer eigenen Erleichterung warten sie bislang heute noch vergeblich auf die göttliche Eingebung durch Dienstmann Aloisius (“Sie Engel, Sie boaniga! Sie ausg’schamta!”).
Ich weiß jetzt nicht, wie ich drauf komm. Aber draußen herrscht heute so ein herbstliches Wetter, da flüstert einen schon die innere Stimme
Ich wünschte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen … .
Nur die Preußen kommen nicht her.
Dafür aber wohl eher die Nacht nach Bayern.
Bayern ist ja im Grunde kulturell ein verarmtes Land. Ruhmreiches hat es nicht wirklich gegeben.
Selbst die Römer haben nach dem ersten Kennenlernen der bayern festgestellt, dass sie mit den restlichen Bayern nicht viel zu tun haben wollen und haben dann die Rest-Bayern mit einem Zaun (dem Limes) draußen vor der Tür gelassen.
“Was guckst du? Du kommst hier nicht rein!”
Eine Sendlinger Blutweihnacht haben ’se produziert. Von den Adligen auch schon mal gerne schadenfroh lächelnd “weihnachtliches Bauern verfrühstücken” genannt. Während die oberen bayrischen Aufständischen es sich in einer warmen Sendlinger Kneipe wohl gehen ließen, haben sie ihre bäuerlichen, zwangsrekrutierten Aufständische auf Abruf draußen in der Kälte frieren lassen, bevor sie diese auf die Schlachtbank des Schlachtfeldes der Schlacht schickten. Es waren brave Untertanen.
Selbst der bayrische Kurfürst Max Emanuel, auch der Großmütige genannt - er trieb sich damals in Brüssel herum, weil er sich um den spanischen Thron geprügelt hatte -, äußerte sich abfällig über seine Aufständische, seine Opferlämmer bayrischer Ruhmesgeschichte …
Man merke also auf, Bauern als Aufständische, das bedeutete nicht nur unter Martin Luther unberechtigtes Aufmucken gegen die gut geordnete Ordnung. Aufmucken der Oberen dagegen ist eine berechtigte politische Äußerung und voll in Ordnung, selbst wenn es eine blutige Revolution ist.
Quod licet Iovi, non licet bovi.
Heißt übersetzt: “Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt.”
So denkt der Bayer an sich ja immer noch.
Aber nicht nur der Bayer.
Aber insbesondere der Bayer denkt so.
Und dann?
Was gab’s dann noch für kulturelle High-Lights?
Einen verrückten König haben die Bayern gehabt. Der hat die Bauern im Umkreis von Füssen bluten lassen, um sich in die Füße der Alpen ein Schloß Neuschwanstein reinmeißeln zu lassen.
Und was hat’s ihm gebracht?
Den Spitznamen KINI hat er erhalten und vor Freude wurde er noch verrückter, dachte er hätte das “Freischwimmer”-Abzeichen” auf seiner pludrigen Unterhose und ist in den See gesprungen. Dort ertrank er dann erbärmlich in paar Zentimeter Wassertiefe noch am Ufer liegend.
Das muß man mal versuchen. Der muss ja förmlich den Strand mit inhaliert haben, damit er genug Wasser in seine Lunge bekam.
Oder in Wahrheit ist es ja vielleicht wie mit den Holländern. Kaum kommen die in die Nähe ihres höchsten Berges bei Aachen, da kippen die von ihrem Fahrrädern vor blankem Erstaunen und tiefer Ehrfurcht.
Und kaum erblickt mal der Bayer an sich so etwas wie ein Strand, da kriegt er vor Freude gleich nen Herzinfarkt.
Allerdings ist der KINI eher der Münchener Bussi- und Noblesse-Gesellschaft zuzurechnen. Also hat er dann sicherlich versucht sich standesgerecht mit nem Strohhalm den Strand durch die Nase zu pfeifen. Muß ihm wohl nicht den erwarteten Flash gebracht haben.
Verrückt halt.
Ein verrückter Bayer eben.
Diese großartige fast griechisch-anmutende Tragödie hat die Bayern wie ein Fluch verfolgt.
Einer der Bayern-Könige, der Ludwig der Erste, hat es dann mit irischen Kontakten versucht und sich dann eine Mätresse genommen. Jene Lola Montez. Das war dann aber auch nicht der Bringer. Klappte wohl nicht so im Bett bei ihm. Die Bayern haben ihr dann den aktiven Laufpass gegeben. Raus aus dem Münchener Sperrbezirk. Über den Frankfurter Ring hinaus und noch weiter.
Ein dreiviertel Jahrhundert später haben die Bayern dann einen Österreicher reingeholt. Bayern konnten zwar keinen Sonnenkönig mehr inthronisieren, aber was sonniges wollten sie doch schon. Also ließen sie sich stolz von jener eigentümlichen Sonne bräunen. Aber der undankbare Österreicher hat sich später nicht nur erschossen sondern auch nur verbrannte Erde hinterlassen. Beruhigend für die Bayern war ja da wohl der Fakt, dass das Thema “verbrannte Erde” nicht nur ihr Bayern selber betraf sondern auch die Preußen und Südschweden, die Ostgoten, die Westhunnen und den Südtiroler sowie den Russen vor der Tür als auch den Tommy.
Aber dann kam er!
Es erschien den Bayern ein Strauß geballter Männlichkeit.
Ein gstandnes Mannsbild.
Der Franz-Josef Strauß.
Nach dem GröFaZ der Gröbaz (Deckname für Strauß in der damaligen DDR laut Markus Wolf: “Größter Bazi aller Zeiten”).
Der hat die Alpen eigenhändig Stein für Stein, Spiegel um Spiegelskandal aufgestapelt, um sich dann eine Skisprungschanze nach Bonn zu basteln. Mit der Androhung des Abfalls Bayern von der CDU nahm er 1976 Anlauf und im Jahre 1980 flog er dann auf ihr los gen Bonn. Endete aber gestoppt als Bettvorleger für einen zufriedenen Helmut Kohl.
Und damit er als Ehrenwürger von Rott am Inn einen adäquaten Zweitwohnsitz in München bekam, ließ er das ehemalige Münchener Kriegsmuseum zu einem Straußoleum ausbauen. Damit das nicht so auffiel, dass er dafür Steuergelder hernahm, nannte er das ganze auch einfach nur “Staatskanzlei” dem Bürger gegenüber.
Am 1. Oktober 1988 - auf einem Jagdausflug beim Fürsten von Thurn und Taxis in Regensburg - soll Strauß bei einen Zusammenbruch mit kurzfristigem Herzstillstand erlebt haben, an dem er zwei Tage später verstarb. Danach hat man ihn offiziell mit Pomp und Gloria in Rott an Inn beerdigt.
Nur in Wahrheit liegt der Strauß nicht dort. Sondern er liegt in den geheiligten Kellergewölben der Staatskanzlei. Und jeden Sonntag um 8 versammelt sich die Kernriege der CSU und veranstaltet einen “Club der toten Dichter”. Laut lesen sie sich dort Strauß-Reden und -Zitate zur eigenen moralischen Erbauung vor.
(”Natürlich, die große Koalition, ich habe es einmal gesagt, mit einem Teil der SPD, das ist natürlich ein Gruselvexierspiel.”)
Franz-Josef Strauß stirbt den klassisch klischeehaften, bayrischen Heldentod: Jagdausflug in den Alpen, das Gewehr in der Hand, der röhrende Hirsch im Hintergrund.
Weidmanns Heil.
Weidmanns Dank?
Muß man das glauben?
Der KINI ersäuft elendig in einigen Zentimeter Wassertiefe und der Strauß kollabiert beim Jagdausflug?
Ja, sind die denn wahnsinnig? Haben die denn keine Fantasie? Können Bayern nicht mal normal ableben?
Andererseits, es wäre ja nicht das erste Male, dass man Persönlichkeiten von seiner Mätresse zieht und ihn dann in seiner Lieblingsumgebung drappiert und ablegt und dann diesen dann “wie durch Zufall” auffindet …
Kann überhaupt jemand garantieren, dass der KINI nicht irgendwo am Frankfurter Ring in irgendeinem Haus vor Freude übertrieben hatte? Gibt es Zeugen?
Egal.
Nein, ich möchte jetzt die bayrische Glaubwürdigkeit nicht unnötigerweise strapazieren. Man beißt nicht in die Hand, die einen füttert.
Andererseits bin ich kein Mensch islamischen Glaubens also per se kein Gefährder und somit auch nicht lebensgefährdet. Also dürfte ich so etwas schon sagen und zugleich ungeschoren mit dem Leben davon kommen.
Wohlgemerkt, ich dürfte es sagen, aber freilich nicht denken, denn das wäre staatsgefährdend und dann wäre ich wieder gleich ein Gefährder und muss damit rechnen, dass vor meinem Fenster ein Tornado herab sinkt und … aus die Maus … wieder ein potentieller Terrorist weniger …
Gut. Sollten dann die oberen Stockwerke mit deren Bewohner herabsacken und sie töten … sie sind ja auch selber schuld!
Warum musste der Staat auch eingreifen? Hätten die über mir wohnenden nicht vorher an mir Lynchjustiz betreiben können?
So ne Art traditionelles Haberfeld-Treiben?
“Haberfeld-Treiben” ist auch so eine bayrische kulturelle Errungenschaft. Eine aufgeputschte Menge gegen ein Individuum, dem von Schäuble beschworenen “Gefährder”.
Inzwischen zeigt ja das damalige Hilfsprojekt “Entwicklungshilfe Süd” - organisiert von den Preußen - volle pralle Früchte. Und weil es die Preußen waren, betrachtet es der Bayer mit gemischten Gefühlen. Eine Blutweihnacht, in der alle Preußen eins auf die Mütze bekämen, wäre ihnen lieber gewesen. Dann wären sie automatisch die Nummer Eins in “Bayern einig Vaterland” geworden. Und wir müssten jetzt den bayrischen Defiliermarsch rückwarts pfeifen.
München lebt dank dem Hilfsprojekt in einem Speckgürtel, der sich Bayern nennt. So etwas hat noch nicht mal das preußische Berlin geschafft, die vor kurzem noch unter erheblichen Madenbefall litten.
Und Bayern kauft sich nun munter all das zusammen, was zwei Beine hat und gut die Bälle vertreten kann. Nur kein Österreicher darf es sein. Den Fehler will Bayern nicht zweimal machen.
Geht man in München spazieren, dann ertönen oftmals nicht-bayrische Klänge und man weiß sofort, wer für den bayrischen Aufschwung verantwortlich ist. Bestimmt waren es nicht die Münchener mit der Münchener Mundart und genügend Asche in der Tasche. Denn das sind lediglich die Münchener Wohnungsvermietenden. Damit macht man keinen Aufschwung sondern nur billig viel Geld. München ist sowieso eine einzige Immobilien in der Hand von ein paar KINIs der Neuzeit, die man auch am Frankfurter Ring mit Strohhalmen jetzt trifft …
Wie gesagt, es war das Hilfsprojekt “Entwicklungshilfe Süd”, der deutsche “Marshall Plan” für kulturell Darbende in Deutschland. Hätte sich der Norden nicht eingeschaltet, wer weiß. Sicherlich hätten die Amerikaner nicht nur das Schloß Neuschwanstein für ihr Disneyland kopiert. Möglicherweise auch noch das grandiose Olympia-Stadion. Oder die Feldherrnhalle. Oder den bayrischen Arc de Triomphe, das Siegestor auf der Leopoldstraße, den auch so ein verrückter Bayer (nicht Österreicher!) hat basteln lassen.
Andererseits, vielleicht hätten die dann den Franz Beckenbauer in den 70er Jahren damals bei “Cosmos New York” für immer als lebendes Denkmal direkt neben der Freiheitsstatue angebunden und nicht nachher 1980 einfach wieder an den HSV verhökert.
Tja, es hätte nicht alles seine Nachteile gehabt …
Egal.
Hier wird es noch nicht Nacht und die Preußen kommen auch nicht.
Der Tag hat begonnen.
Der Stoiber wird sicherlich den ersten Gang im Straußoleum zur Franz-Josef-Strauß-Gedächtnisbüste machen sich dreimal verneigen und sagt das Strauß’sche Glaubensbekenntnis auf:
“Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder.” (Strauß in der ZEIT vom 1. Januar 1971)
Kalt ist es hier.
Swinekalt.
9 °C zeigt das Thermometer.
So macht der Juli keinen Spaß.
Nicht wirklich.
Da wünscht ich mir, es wäre Nacht oder …
Ich mach mir jetzt nen warmen Tee.